Astrid May­er­le: Per Anhal­ter durch die Erinnerung

Es war ein ziem­lich skru­pel­lo­ses Unter­neh­men: sobald ein frem­des Schiff im Hafen der ägyp­ti­schen Stadt Alex­an­dria anleg­te, ließ Pto­le­mai­os I. die Fracht nach Schrift­stü­cken durch­su­chen und die­se kon­fis­zie­ren. Damit nicht genug: das geklau­te Gut ver­blieb in der legen­dä­ren Biblio­thek, denn die Ange­stell­ten des Königs schrie­ben die Doku­men­te ab und brach­ten nur die Kopien zurück auf die Schif­fe. Die Geschich­te zeigt: die Ägyp­ter waren sich der Bedeu­tung der mate­ri­el­len Sei­te der Papy­ri wohl bewußt, denn die­se bürg­te für die Echt­heit der Doku­men­te. Inner­halb der Kul­tur­ge­schich­te des Buchs spielt sei­ne Mate­ria­li­tät immer eine wich­ti­ge Rolle.

Albert Coers arbei­tet mit den mate­ri­el­len Aspek­ten des Buchs. Sei­ne Instal­la­tio­nen zie­hen Ver­bin­dun­gen zur Geschich­te vom flä­chen­de­cken­den Bücher­klau unter Pto­le­mai­os I., aber auch zu den imma­te­ri­el­len Wis­sens­spei­chern des 21. Jahr­hun­derts. Heu­te besteht die Biblio­thek von Alex­an­dria auch aus einem rie­si­gen Online-Archiv, man „blät­tert“ in den digi­ta­li­sier­ten Büchern und Manu­skrip­ten durch Berüh­ren des Touch­screens. „Umblät­tern“ – ein Begriff aus einer ana­lo­gen Welt. Albert Coers´ sorg­sam auf­ge­schich­te­te Bücher­sta­pel, sei­ne ver­bau­ten Fens­ter und Durch­gän­ge ent­ste­hen vor die­ser kul­tur­ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung des Buchs und evo­zie­ren jenes hap­ti­sche Ereig­nis, das ange­sichts der Digi­ta­li­sie­rung sel­te­ner wird – eine viel­leicht bald ana­chro­nis­ti­sche Erfah­rung. Je nach Bau­wei­se der Instal­la­ti­on sind ver­schie­de­ne Aspek­te des Buchs frei­ge­legt: der Schnitt, der Buch­rü­cken und das Cover, mit dem jeder Leser oft eine ganz per­sön­li­che Erin­ne­rung an ein Buch ver­bin­det. Inhal­te sind an Bil­der und Optik der Umschlä­ge und damit auch an die Zeit­ty­pik gekop­pelt, sei­en es die gel­ben, mit Kuli bekra­kel­ten Reclam-Hef­te aus der Schul­zeit, Buch­rei­hen mit Por­traits von Autoren, oder jene schwar­zen Soft­co­ver, die der Suhr­kamp­ver­lag in den 80er Jah­ren für die Rei­he „Roma­ne des Jahr­hun­derts“ erfand – metal­lisch schim­mern­de Prä­ge­let­tern, wie man sie bis dahin nur von Sci­ence-fic­tion-Best­sel­lern und Süd­staa­ten­sa­gas kannte.

Sinn­li­che Aspek­te und Erin­ne­rungs­as­so­zia­tio­nen spie­len eine wesent­li­che Rol­le in Coers´ zwei­tei­li­ger Instal­la­ti­on Unschuld des Wer­dens (2010). Bei­de Tei­le bestehen aus Kin­der­bü­chern der 50er bis 70er Jah­re, der eine erscheint als eine Art Höh­le oder Iglu. Die ver­bli­che­nen Buch­rü­cken und die Titel­zei­len – häu­fig in Schreib­schrift – geben einen Hin­weis auf die Zeit, aus der die Bücher stam­men. Sie evo­zie­ren frü­he Lese­er­leb­nis­se: Figu­ren auf dem Cover wur­den zu Kom­pli­zen, stun­den­lang konn­te man in einer ande­ren Welt ver­sin­ken – wie etwa Bas­ti­an, Haupt­fi­gur von Die Unend­li­che Geschich­te, der auf einem Dach­bo­den ein Buch fin­det, des­sen Prot­ago­nist er selbst wird. Albert Coers spielt mit sei­ner Instal­la­ti­on auf ein Lese­ereig­nis an, das von der Unschuld der Ent­de­ckung moti­viert ist — ein nicht nach Anwen­dungs­kri­te­ri­en aus­ge­rich­te­ter Lese­akt. Ein Leser, der erle­ben will, nicht Wis­sen sammeln.

Doch Unschuld des Wer­dens bekommt vor dem Hin­ter­grund der Ent­ste­hungs­ge­schich­te und des Aus­stel­lungs­orts einen ambi­va­len­ten Cha­rak­ter: Albert Coers ver­wen­de­te einer­seits sei­ne eige­nen Kin­der­bü­cher, ande­rer­seits Bän­de der „Inter­na­tio­na­len Jugend­bi­blio­thek“ in Mün­chen. Die Instal­la­ti­on wur­de im Haus der Kunst, bekann­ter­ma­ßen ein Bau mit NS-Ver­gan­gen­heit, gezeigt. Am sel­ben Ort beschäf­tig­te sich 1948 die ers­te Nach­kriegs­aus­stel­lung mit Kin­der- und Jugend­bü­chern, die heu­te zum Grün­dungs­be­stand der Inter­na­tio­na­len Jugend­bi­blio­thek gehö­ren. Die Aus­stel­lung hat­te damals zum Ziel, den extrem vor­be­las­te­ten Ort neu zu beset­zen und eine his­to­ri­sche Mar­kie­rung zu hin­ter­las­sen. Die von Albert Coers ver­wen­de­ten Bücher erschei­nen daher als Zeit­zeu­gen für die Geschich­te des Aus­stel­lungs­hau­ses und für jene Umbruchs­ära in der Nachkriegszeit.

Der ande­re Teil der Instal­la­ti­on warf einen Schat­ten­riß an eine Wand im Ein­gangs­be­reich des Hau­ses der Kunst: eine Schreib­tisch­lam­pe aus der Nach­kriegs­zeit war so posi­tio­niert, daß sie eine Buch­rei­he beleuch­te­te und deren Schat­ten gleich­zei­tig ins Monu­men­ta­le ver­zerr­te. In der dunk­len Sil­hou­et­te zeich­ne­te sich das von Paul Troost nach den ästhe­ti­schen Prin­zi­pi­en der Naziar­chi­tek­tur gestal­te­te Haus der Kunst mit sei­ner monu­men­ta­len Säu­len­ga­le­rie ab. Unschuld des Wer­dens als Titel­adap­ti­on von Nietz­sches gleich­na­mi­gem Nach­laß lie­fert ein viel­schich­ti­ges Anspie­lungs­ge­flecht, in dem kind­li­che Neu­gier­de eben­so eine Rol­le spielt wie ideo­lo­gi­scher Macht­miß­brauch. Der Titel asso­zi­iert die Kul­tur- und Erzie­hungs­po­li­tik wäh­rend, bzw. nach der NS-Dik­ta­tur eben­so wie die phi­lo­so­phisch legi­ti­mier­te Ideo­lo­gie vom Über­men­schen, und schließ­lich erin­nert die Form der Bücher­höh­le auch an Schei­ter­hau­fen und bren­nen­de Bücherberge.

Mit Biblio­the­ken zu tun haben sowohl Unschuld des Wer­dens als auch das Pro­jekt ENCY­CLO­PE­DIALEX­AN­DRI­NA (2008/ 2009) – das auf eine beson­de­re Recher­che zurück­geht: im Titel steckt ein Name, den meh­re­re Städ­te tra­gen. Albert Coers bereis­te drei davon: das bekann­te ägyp­ti­sche Alex­an­dria, die ame­ri­ka­ni­sche Stadt im Bun­des­staat Vir­gi­nia und das ita­lie­ni­sche Ales­sandria im Pie­mont. In den Biblio­the­ken die­ser Städ­te recher­chier­te er zum The­ma „Alex­an­dria“ und kopier­te ent­spre­chen­des Mate­ri­al. Eine beson­de­re Poin­te: in der Quel­len­be­schaf­fung durch Kopien steckt eine Ana­lo­gie zu jenen Abschrif­ten, die Pto­le­mai­os I. von den geraub­ten Büchern anfer­ti­gen ließ.

ENCY­CLO­PE­DIALEX­AN­DRI­NA – der Titel des Pro­jekts sug­ge­riert Voll­stän­dig­keit. Aller­dings war die­ser Selbst­ver­such, ein eige­nes, kom­plet­tes Archiv über den bekann­ten Städ­te­na­men her­zu­stel­len, natür­lich auf­grund der Infor­ma­ti­ons­fül­le von Beginn an zum Schei­tern ver­ur­teilt. Er lie­fert viel­mehr ein Modell für die sub­jek­ti­ve – nur zum Teil sys­te­ma­tisch ent­stan­de­ne – Erin­ne­rungs­en­zy­klo­pä­die, über die jeder ver­fügt: das Gedächt­nis. Die­ses ganz und gar per­sön­li­che Archiv wird nach den Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Erin­nerns und Ver­ges­sens bestän­dig erwei­tert und demon­tiert: meist unsys­te­ma­tisch, nicht objek­tiv, näm­lich vor allem auch ent­spre­chend der emo­tio­na­len Gewich­tung, nicht nach welt­ge­schicht­li­cher Bedeu­tung. Ein Archiv, in dem das Pri­mat der eige­nen Bio­gra­phie gilt.

Astrid May­er­le, Stu­di­um Kunst­ge­schich­te und Neue­re Deut­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft. Kul­tur­jour­na­lis­tin, Fea­ture­au­torin und Hör­funk­re­gis­seu­rin für ver­schie­de­ne Kunst­ma­ga­zi­ne und Radio­sen­der wie Deutsch­land­ra­dio Kul­tur, ARD, BR. Sie ist Mit­her­aus­ge­be­rin der Publi­ka­ti­on Ehe­ma­li­ges KGB-Gefäng­nis, Leis­ti­kow­stra­ße 1, Pots­dam.

Astrid May­er­le: The Hitchhiker’s Gui­de to Memory

It was a pret­ty ruth­less enter­pri­se: as soon as a for­eign ship laid anchors in Alex­an­dria of Egypt, King Pto­le­my I had the freight sear­ched for docu­ments and con­fis­ca­ted them. But this was not enough: the pin­ched goods stay­ed in the legen­da­ry libra­ry whe­re the king’s employees repli­ca­ted them, brin­ging only copies back to the ships. This sto­ry shows the Egyp­ti­ans awa­reness of the mate­ri­al aspect of the papy­ri as a gua­ran­tee of the document’s authen­ti­ci­ty. Mate­ria­li­ty con­sist­ent­ly play­ed an important role wit­hin the cul­tu­ral histo­ry of the book.

Albert Coers draws on this aspect as well. His instal­la­ti­ons con­nect to the nar­ra­ti­ve of exten­si­ve book theft under Pto­le­my, but also to the imma­te­ri­al archi­ves of know­ledge of the 21st century.

Today, the libra­ry of Alex­an­dria also exists as a huge online-archi­ve; one “leafs” through the digi­ta­li­sed books and manu­scripts by touch-screens; “to turn over” – a con­cept of the ana­lo­gue world.

The care­ful­ly built piles of books, the obst­ruc­ted win­dows and pas­sa­ges of Albert Coers rise in front of this deve­lo­p­ment in cul­tu­ral histo­ry and evo­ke this incre­a­singly rare hap­tic moment– which may be soon an ana­chro­nistic experience.

Accord­ing to the con­struc­tion of the instal­la­ti­on, dif­fe­rent aspects of the book are expo­sed: the cut, the spi­ne, and the cover, which con­nect to the per­so­nal memo­ries of the rea­der. Con­tent is con­nec­ted to pic­tures and the look of the covers and the­re­fo­re to the style of a cer­tain épo­que; be they the yel­low book­lets of Reclam edi­ti­ons from school­days cove­r­ed with scribb­ling, book seri­es with por­traits of the aut­hor, or tho­se soft black covers which Suhr­kamp publis­hers inven­ted in the 80’s for the seri­es “Novels of the Cen­tu­ry.” Their metal­li­cal­ly gle­a­ming embos­sed let­ters pre­vious­ly only seen on Sci­ence-Fic­tion best­sel­lers and Sou­thern-Sta­tes sagas.

Sen­su­al aspects and asso­cia­ti­ons of memo­ry play a cru­cial role in Coers two-part instal­la­ti­on Inno­cence of Beco­m­ing (2010). Both parts con­sist of children’s books from the 1950’s, 60’s, and 70’s with one part appearing in the shape of a grot­to or igloo. The faded spi­nes and their tit­les – often in cur­si­ve script – give a hint to the era the books come from. They evo­ke ear­ly expe­ri­en­ces of rea­ding: cha­rac­ters from the cover beca­me accom­pli­ces, in a world one could beco­me immer­sed in for hours– like Bas­ti­an, the main cha­rac­ter of The Neve­r­en­ding Sto­ry, who finds a book in the attic, of which he beco­mes the prot­ago­nist. Albert Coers allu­des to a moment of rea­ding moti­va­ted by the inno­cence of dis­co­very – an act of rea­ding not deter­mi­ned by cri­te­ria of use, a rea­der who wants to expe­ri­ence and not to collect knowledge.

Howe­ver, against the back­ground of its deve­lo­p­ment and the loca­ti­on of the exhi­bi­ti­on, Inno­cence of Beco­m­ing assu­mes an ambi­va­lent cha­rac­ter: Albert Coers appro­pria­tes from his own child­hood, as well as volu­mes from the Inter­na­tio­nal Youth Libra­ry in Munich. The instal­la­ti­on was shown in the Haus der Kunst, a buil­ding with a noto­rious NS past. It was here that in 1948 the first exhi­bi­ti­on after WWII show­ed the child­ren and youth books that are now a part of the foun­ding collec­tion of the Inter­na­tio­nal Youth Libra­ry. The exhi­bi­ti­on aimed at read­dres­sing the extre­me­ly tain­ted place while simul­ta­ne­ous­ly lea­ving a his­to­ri­cal mark. The books used by Albert Coers appe­ar both as wit­nes­ses for the histo­ry of the exhi­bi­ti­on buil­ding and of the era of chan­ge in post-war Germany.

The other part of the instal­la­ti­on threw a shadow on the wall near the ent­ran­ce of the Haus der Kunst: a desk lamp in post-war style was pla­ced illu­mi­na­ting a row of books and at the same time dis­tor­ting their shadows into the monu­men­tal. In the dark sil­hou­et­te the towe­ring colon­na­de of the Haus der Kunst emer­ged, desi­gned by Paul Troost accord­ing to the esthe­ti­cal princi­ples of NS-architecture.

Inno­cence of Beco­m­ing as an adap­t­ati­on of the tit­le of the collec­ted unpu­blis­hed works of Nietz­sche pro­du­ces a mul­ti­laye­red com­plex of allu­si­ons in which child­li­ke curio­si­ty plays a simi­lar role as it does in ideo­lo­gi­cal abu­ses of power. The tit­le is asso­cia­ted with the poli­cy of cul­tu­re and edu­ca­ti­on during and after the NS-dic­ta­tor­s­hip, like­wi­se with the phi­lo­so­phi­cal­ly legi­ti­ma­ted ideo­lo­gy of the Über­mensch. Final­ly, the form of the cave reminds one of the pyres and bur­ning mounds of books.

Inno­cence of Beco­m­ing as well as the pro­ject Ency­clo­pe­dialex­an­dri­na deals with libra­ries, the lat­ter returns to spe­ci­fic rese­arch: the tit­le con­tains a name shared by a num­ber of cities. Albert Coers has tra­vel­led to three of them: the well-known Egyp­ti­an Alex­an­dria, the Ame­ri­can city in Vir­gi­nia and the Ita­li­an Ales­sandria in Pied­mont. In the libra­ries of the­se cities he rese­ar­ched the topic “Alex­an­dria” and pho­to­co­pied cor­re­spon­ding mate­ri­al. It is worth noting the ana­lo­gy bet­ween the method of obtai­ning source mate­ri­al by pho­to­co­py­ing and the copies of the sto­len books made by Pto­le­my I.

The tit­le of the pro­ject sug­gests com­ple­teness. Nevertheless, this expe­ri­ment to crea­te an indi­vi­du­al, ful­ly com­pre­hen­si­ve archi­ve of the well-known name was — natu­ral­ly — doo­med to fail­u­re due to the abundance of infor­ma­ti­on. But what is more, Albert Coers’ ENCY­CLO­PE­DIALEX­AN­DRI­NA forms a model for the sub­jec­ti­ve, only par­ti­al­ly sys­te­ma­ti­cal­ly grown ency­clo­pa­edia of recollec­tion: the memo­ry. This total­ly per­so­nal archi­ve is con­ti­nuous­ly enlar­ged and dis­mant­led accord­ing to the princi­ples of recollec­tion and obli­vi­on: most­ly unsys­te­ma­tic, non-objec­ti­ve, and abo­ve all cor­re­spon­ding to emo­tio­nal weight, not to his­to­ri­cal signi­fi­can­ce. An archi­ve in which the pri­ma­cy of the indi­vi­du­al bio­gra­phy prevails.

Astrid May­er­le stu­di­ed art histo­ry and modern Ger­man lite­ra­tu­re. She is cul­tu­re jour­na­list, fea­ture aut­hor and radio direc­tor for various art maga­zi­nes and radio sta­ti­ons such as Deutsch­land­ra­dio Kul­tur, ARD, BR. She is co-edi­tor of the publi­ca­ti­on For­mer KGB Pri­son, Leis­ti­kow­stra­ße 1, Potsdam.