Ger­hard Sche­bler: DAS GROS­SE LOS!

Kein Scherz! Sie haben gewon­nen! Sie müs­sen den sen­sa­tio­nel­len Haupt­ge­winn nur noch anfor­dern!

Will­kom­men im Land der ewi­gen Sie­ger! Sie haben soeben auf die Son­nen­sei­te des Lebens gewech­selt und die ewi­ge Sehn­sucht nach dem bes­se­ren Dasein hin­ter sich gelas­sen. End­lich ein Gewin­ner im gro­ßen Spiel sein, end­lich ein­stei­gen ins Big Busi­ness, ins Per­pe­tu­um mobi­le des end­lo­sen Gewinns. Es trennt Sie nur noch ein Klick, eine Unter­schrift auf dem Ant­wort­cou­pon vom Para­dies.

Das Glück ist eine Ima­gi­na­ti­on, der Klick und die Signa­tur sind eine letz­te Abschrei­bung an die Welt der Mate­rie, der Träg­heit, der trost­lo­sen Ansäs­sig­keit. Wie der Bud­dhist irgend­wann ein­mal das Fahr­zeug auf­ge­ben muss, das ihn an das Tor der Erleuch­tung geführt hat, so muss der Kapi­ta­list die­se letz­te Abschrei­bung, die­sen letz­ten Ver­lust hin­neh­men, um in das Reich der ewi­gen Gewin­ne zu gelan­gen. „Wer wagt, gewinnt!“ ist das ers­te Gebot der kapi­ta­lis­ti­schen Froh­bot­schaft.

Doch kaum setzt man zum gro­ßen Absprung an, grei­fen sie nach dir, hal­ten dich gewalt­sam fest, zer­ren dich wie­der zurück in dei­ne Fes­seln. Es sind die ewi­gen Ver­nei­ner, die Geg­ner aller Lust und Freu­de, sie nen­nen sich „Eltern, Leh­rer, Poli­zis­ten, Ärz­te, Rich­ter“. Ihr Cre­do ist die Sor­ge, ihr Antrieb ist der Neid.

Der Künst­ler gilt gemein­hin als ein Absprin­ger, als ein Vor­kämp­fer für die Selbst­ver­wirk­li­chung und das gro­ße Ver­spre­chen. Die­se letz­te Durst­stre­cke hat er immer noch zu über­win­den, bevor er zur Mar­ke wird, zum Garan­ten end­lo­sen Gewinns.

Albert Coers aber wech­selt in sei­ner Arbeit Offi­cial Busi­ness über­ra­schen­der Wei­se die Sei­te! Er wird frei­wil­lig zum Vor­mund, zum staat­lich bestell­ten Betreu­er für einen, der vor dem letz­ten Absprung ins Para­dies steht. Der Künst­ler als Ver­wal­ter, als Beden­ken­trä­ger, als pedan­ti­scher Ver­hin­de­rer der gro­ßen Erlö­sung? Man muss es noch dras­ti­scher sehen: Hier agiert einer im Ver­bor­ge­nen, ein Big Bro­ther gewis­ser­ma­ßen, der im staat­li­chen Auf­trag Brie­fe abfängt, die aus dem Para­dies geschickt wur­den. Der Künst­ler wird hier Teil einer unheim­li­chen Ver­schwö­rung gegen das Glück. Fast schon zynisch mutet es an, dass er all die­se Doku­men­te der durch ihn ver­hin­der­ten Glück­se­lig­keit archi­viert und öffent­lich aus­stellt.

Die meis­ten Brie­fe wur­den abge­fan­gen, bevor sie den armen kapi­ta­lis­ti­schen Sisy­phos über­haupt errei­chen konn­ten, denn die Deut­sche Post ist Teil die­ser Ver­schwö­rung. Der blass­gel­be Nach­sen­de­auf­kle­ber lenkt die Bot­schaft um, wie eine unsicht­ba­re Fire­wall iso­liert er den Gewinn­süch­ti­gen von sei­nem Gewinn.

Die Gewinn­be­nach­rich­ti­gun­gen wur­den nach Ber­lin umge­lei­tet, wohin der Künst­ler gezo­gen ist. Wohin sonst? An kei­nem ande­ren Ort trennt den Künst­ler nur so wenig vom gro­ßen Durch­bruch. Nir­gends ist er bes­ser geschützt vor den Anfech­tun­gen der gro­ßen Ver­hin­de­rer. Hier lebt er – wie im Grun­de wir alle – sein heim­li­ches Dop­pel­le­ben als Gewinn­süch­ti­ger und Gewinn­ver­hin­de­rer.

Was, wenn alle Aus­stel­lungs­an­ge­bo­te, alle Exklu­siv­ver­trä­ge mit gro­ßen Gale­rien, alle Benach­rich­ti­gun­gen über erlang­te Prei­se irgend­wo in Bay­ern abge­fan­gen wür­den; viel­leicht gar von einem, den man betreut?

in: Albert Coers: I SOLI­TI TITO­LI. Bie­le­feld: Ker­ber 2011, S. 66.

Albert Coers: OFFI­CIAL BUSI­NESS, Instal­la­ti­on, 2009

Ger­hard Sche­bler: FIRST PRI­ZE!

No joke! You’­ve won! Claim your fan­tastic pri­ze today!

Wel­co­me to the land of the per­pe­tu­al win­ner! You have just swit­ched to the sun­ny side of life and left the end­less strugg­le for a bet­ter life behind you. Final­ly you can be a win­ner in the big league, a play­er in big busi­ness, and a part of the con­stant momen­tum of limit­less pro­fits. You are just a click and a signa­tu­re on the ans­wer cou­pon away from para­di­se.

The luck is ima­gi­na­ry; and the click and signa­tu­re are a last good­bye to the world of the mate­ri­al, to iner­tia and bleak exis­tence. Just as the Bud­dhist has to relin­quish the vehi­cle which brought him to the gate of enligh­ten­ment at some point, the capi­ta­list has to take this wri­te down, this loss, in order to reach the wealth of the limit­less pro­fits. ‘He who dares, wins’ is the first com­man­dment of the capi­ta­list gos­pel.

Just as you attempt to move on, they are alrea­dy try­ing to hold you back, pin you vio­lent­ly down and enchain you once again. It is the nay-say­ers, tho­se oppo­sed to all forms of desi­re and hap­pi­ness. They call them­sel­ves ‘par­ents, tea­chers, poli­ce, doc­tors and jud­ges’. Their creed is worry, and their moti­va­ti­on is envy.

Artists are often seen as peop­le who boun­ce back, as pioneers of per­so­nal deve­lo­p­ment and the pro­mi­se of some­thing new. He still has to make it through the last rough patch, befo­re beco­m­ing a brand, and reaching gua­ran­te­ed limit­less pro­fit. With his pie­ce Offi­cial Busi­ness, Albert Coers unpre­dic­ta­b­ly swit­ches sides! He free­ly beco­mes a cus­to­di­an, a sta­te appoin­ted guar­di­an for tho­se stan­ding befo­re the last step up to para­di­se. The artist as admi­nis­tra­tor, noto­rious scep­tic, a pedant hol­ding back from sal­va­ti­on. One has to see it even more drasti­cal­ly; here is someo­ne acting covertly, a kind of ‘big bro­ther’, con­trac­ted by the sta­te to inter­cept let­ters from para­di­se. In this situa­ti­on the artist is part of a sinis­ter con­spi­ra­cy against hap­pi­ness. It appears almost cyni­cal, that the artist takes this blissful hap­pi­ness that he has inter­cep­ted, archi­ves and then exhi­bits it.

Most let­ters were inter­cep­ted befo­re they could even reach the hands of the capi­ta­listic Sisy­phus, as the Deut­sche Post is part of this con­spi­ra­cy. The pale yel­low for­war­ding sti­cker turns the dis­patch round, like an invi­si­ble Fire­wall, it keeps the pro­fit obses­sed from their pro­fits.

The details of the win­nings are diver­ted to Ber­lin, whe­re the artist is living for the time being. Whe­re else? In no other place are the artist and his big break sepa­ra­ted by so litt­le. Nowhe­re is he bet­ter pro­tec­ted from the objec­tions of tho­se who hold you back. Here he lives, as we all do, a secret dou­ble life, at once obses­sed and repul­sed by pro­fit.

What will be then, when all the offers of exhi­bi­ti­ons, exclu­si­ve con­tracts with big gal­le­ries and noti­ces of pri­zes have been sent down to some­whe­re in Bava­ria: may­be even by someo­ne, whom you super­vi­se?

from: Albert Coers: I SOLI­TI TITO­LI. Bie­le­feld: Ker­ber 2011, S. 68.