Tho­mas Don­ga-Durach: Albert Coers: Zettel’s Traum

Bevor Albert Coers an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te Mün­chen ein Kunst­stu­di­um absol­vier­te, stu­dier­te er Sprach- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft – Dis­zi­pli­nen, in denen vor allem das geschrie­be­ne Wort der Ver­mitt­lung von Wis­sen, letzt­lich von Welt dient. Das Trä­ger­me­di­um die­ses Wis­sens ist das Buch, und so ver­wun­dert es nicht, dass aus­ge­rech­net Bücher das bevor­zug­te Arbeits­ma­te­ri­al des Künst­lers sind. Bücher reflek­tie­ren nicht nur die Welt, sie kon­sti­tu­ie­ren ihrer­seits eben­falls Rea­li­tät, wir­ken zurück in die Gesell­schaft und ver­mö­gen gar den Lauf der Geschich­te zu ändern – man den­ke etwa an ein 30 Sei­ten dün­nes Büch­lein, das 1847/48 von Marx und Engels ver­fass­te Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest, das eine Dyna­mik ent­fes­sel­te, aus der her­aus eine Welt­macht ent­ste­hen und wie­der ver­ge­hen konnte.

Es ist einer­seits die­se poten­zi­el­le Wirk­macht des Buches, die in Coers’ Œuvre in codier­ter – und sicher auch abge­mil­der­ter – Form stets mit­schwingt; vie­le sei­ner orts­spe­zi­fi­schen Arbei­ten wie die Instal­la­ti­on mit gelie­he­nen Büchern aus dem Archiv des Natio­nal­mu­se­ums reflek­tie­ren archi­tek­to­ni­sche Gege­ben­hei­ten und deren geis­ti­ge Hin­ter­grün­de glei­cher­ma­ßen. Ande­rer­seits geht es Coers aber auch oft dar­um, sich gera­de von dem blin­den Ver­trau­en, das dem geschrie­be­nen Wort oft­mals ent­ge­gen­ge­bracht wird, in instal­la­tiv-archi­tek­to­ni­scher Form zu distanzieren.

Mit der Instal­la­ti­on Zettel’s Traum greift Coers zum Bei­spiel das unse­rer Gesell­schaft zugrun­de lie­gen­de wirt­schaft­li­che Prin­zip des Han­dels auf. Anhand von Kas­sen­zet­teln und Foto­gra­fien lässt sich ein Tausch­han­del nach­voll­zie­hen, an des­sen Beginn der Ankauf eines teu­ren Buches stand, Zettel’s Traum von Arno Schmidt. Das gewal­ti­ge, nicht zuletzt wegen sei­ner ortho­gra­fi­schen Abson­der­lich­kei­ten nur schwer les­ba­re, 1334 Sei­ten umfas­sen­de Werk wur­de von Coers für 348 Euro im Buch­han­del erwor­ben und stell­te das Start­ka­pi­tal eines Umtausch­pro­zes­ses dar, an des­sen Ende 69 iden­ti­sche Exem­pla­re von Wah­rigs Wör­ter­buch Recht­schrei­bung der deut­schen Spra­che und, zur preis­li­chen Auf­run­dung auf den Aus­gangs­be­trag, ein Reclam­band Wind­müh­len von Arno Schmidt stan­den, die ihrer­seits wie­der in den ursprüng­li­chen Geld­be­trag in den Buch­hand­lun­gen zurück­ge­tauscht wur­den. Die frap­pie­ren­de Dis­kre­panz im Wert­ver­hält­nis zwi­schen einem und 70 Büchern, also einem viel­fa­chen des glei­chen Mate­ri­als (Papier, Pap­pe, Gaze, Leim, Bezugs­ma­te­ri­al), stellt sich auf der rein mate­ri­el­len Ebe­ne als öko­no­mi­sches Rät­sel dar. Zugleich fin­det mit der Ver­wand­lung von Zettel’s Traum in 69 Wör­ter­bü­cher eine struk­tu­ra­lis­ti­sche Trans­for­ma­ti­on des Schmidt’schen Epos statt: Die von Schmidt ver­wen­de­ten Wör­ter fin­den sich nun im Wah­rig alpha­be­tisch sau­ber sor­tiert und in kor­rek­ter Schreib­wei­se wieder.

Albert Coers: Zettel’s Traum, Kas­sen­zet­tel, 2011

Tho­mas Don­ga-Durach: Albert Coers: Zettel’s Traum. In: Katha­ri­na Keller/Gerhard Mül­ler-Rischart (Hg.): Kunst­rausch — 11. RischArt_Projekt, Mün­chen 2011, S. 10.