10.3.26 Jour­nal — Venedig

10.3., Diens­tag
Nachts vie­le Gedan­ken über das Buch zum Fami­lie-Mann-Denk­mal, was weg­zu­las­sen wäre.
Gegen fünf Uhr auf. Um sechs läu­tet der Wecker.
Trotz der Nacht Enthu­si­as­mus über den anbre­chen­den Mor­gen.
Fahrt nach Vene­dig. Fahrt über den Bren­ner.
Pen­si­on Segu­so – angeb­lich hat John Rus­kin hier gewohnt. Nähe Acca­de­mia und Vapo­ret­to Zat­te­re. Noch ganz im Sti­le d’Epoca. Dop­pel­tü­ren, mit But­zen­schei­ben. Das Schlüs­sel­brett allein ist toll, eine Archi­tek­tur für sich, mit den Fächern der Zim­mer, in denen die Schlüs­sel hän­gen, an ihnen gro­ße ova­le, an Fische erin­nern­de Anhän­ger, die gegen die Schlüs­sel schla­gen und lei­se, glo­cken­ar­tig klir­ren, wenn man sie in die Hand nimmt. 
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Das Zim­mer mit zwei Fens­tern zum Kanal. Man hört nachts Boo­te anein­an­der­sto­ßen, Wel­len, Schau­keln. Das hat etwas Beruhigendes.

Die Möbel his­to­risch-vene­zia­nisch: ein rie­si­ger Spie­gel­schrank mit einem muschel­ar­ti­gen Rah­men-Auf­bau, der nach oben hin spitz zuläuft; anschei­nend für das Zim­mer gemacht, da die Spit­ze genau unter die Decke passt. Auch eine Archi­tek­tur.
Über­haupt Spie­gel über­all: gegen­über dem Schrank, an der ande­ren Wand, ein wei­te­rer, geschwun­gen, mit einem durch­bro­che­nem baro­cken Gekrö­se, mit Spit­zen und Volu­ten nach allen Sei­ten. Und an Längs­wand des Zim­mers, zwi­schen den Fens­tern, ein Tisch mit noch einem Spie­gel. Zwi­schen die­sen Spie­geln geht es hin und her. Das Bedürf­nis, den Raum zu wei­ten, Dun­kel­heit und Enge zu ver­trei­ben, das Licht her­ein­zu­ho­len. Und Auf­weis von Luxus. Vene­dig als Stadt der Spie­gel. Das Was­ser der Kanä­le eben­falls spie­gelnd. Aber das hat Joseph Brod­ski wahr­schein­lich auch schon notiert … Nicht schlimm, man kann Beob­ach­tun­gen, Ent­de­ckun­gen sub­jek­tiv neu machen, auch wenn sie objek­tiv gese­hen so neu nicht sind.

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In der Gesua­ti-Kir­che, neben­an. Das geme­tisch-opti­sche Mus­ter der ein­ge­leg­ten Stei­ne im Boden. Erin­ne­re mich, dass ich hier zu Coro­na-Zei­ten Fotos gemacht hat­te, von den Auf­kle­bern auf den Sit­zen, dass man sich dort hin­zu­set­zen habe, dann im Heft „Sacred Distancing“ ver­öf­fent­licht.
Fres­ken von Tie­po­lo an der Decke; metal­lisch-grau­blau. Ganz eigen.

Libre­ria Bru­no in der Nähe. Ein tol­ler Laden für Kunst­bü­cher, wo gleich zwei Publi­ka­tio­nen aus­ge­legt sind, an denen ich betei­ligt bin: Der gro­ße Band über die Libra­ry of Artis­tic Print on Demand, und der klei­ne dicke über die Akti­vi­tä­ten von A‑Z in Ber­lin, wo ich 2021 die Aus­stel­lung „Books to Do“ hat­te. Freut mich, bei­des hier in Vene­dig wiederzusehen.

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Kau­fe ein Lepo­rel­lo-Buch von Pier­fran­ces­co Cela­da: Coun­ting Ships; Auf­nah­men durch ein Fäh­ren­fens­ter in Hong­kong. Erin­nert mich an eige­ne Bil­der, durch Fens­ter der Fäh­re New York ‑ Sta­ten Island. Hier sehr kon­se­quent ver­folgt – und auf der Rück­sei­te sind die Aus­schnit­te von Con­tai­ner­schif­fen zu einem ein­zi­gen lan­gen zusam­men­ge­setzt. Und ein Buch über Bücher „Against Cof­fe Table Books“ von Davi­de Tolfo.


Schlen­ker zu Madon­na del Car­mi­ne. Dun­kel. Schön. Goti­scher Chor, nördl. Sei­ten­al­tar mit Gemäl­de von Cima da Conigliano.



Jour­nal 11.1.–14.1.2026; Aus­räu­men: Stroh, Kunst­ver­ein Tiergarten

11.1., Sonn­tag

Abho­lung des Pflas­ter­steins vom Sal­va­tor­platz, den ich als Mul­ti­ple in einer Aus­stel­lung gezeigt hat­te, in der Gale­rie der Künst­ler. Gegen Mit­tag nach Frei­sing, Woh­nungs­auf­lö­sung von Wil­fried Stroh, mei­nem ehe­ma­li­gen Latein­pro­fes­sor.
Zunächst den Dom­berg hin­auf; beim Blick auf das Pflas­ter muss ich an die bemän­gel­te Pflas­te­rung am Sal­va­tor­platz den­ken, das Denk­mal lässt mich noch nicht los.
Der Dom. Die fan­tas­ti­sche Kon­struk­ti­on mit dem tie­fer­lie­gen­den Mit­tel­raum, in den man nach der Ein­gangs­hal­le hin­un­ter­steigt. Drü­ben, am ande­ren Ende, wie­der eine Trep­pe, die hin­auf in den Chor führt. Dar­un­ter wie­der eine Trep­pe, hin­un­ter in die Kryp­ta. Im Kreuz­gang. Die Käl­te kriecht von allen Sei­ten her­an. Bes­ser nicht zu lan­ge ste­hen­blei­ben. Eini­ge Frot­ta­gen, von Buch­sta­ben „A“. 

Zur Woh­nung von Stroh, wo ich vor ca. 30 Jah­ren gehol­fen habe, Rega­le auf­zu­bau­en und Bücher ein­zu­räu­men, als ich Hilfs­kraft bei ihm war. Jetzt wird aus­ge­räumt; ein Besen ist in unten in die Tür geklemmt, um Inter­es­sen­ten den Zugang zu ermög­li­chen. Es sind doch vie­le da, die Bücher durch­fors­ten, mit­neh­men, in Taschen, Kar­tons, Roll­kof­fern, Ruck­sä­cken. Inso­fern eine schö­ne Art der Anteil­nah­me und des Inter­es­ses. Eini­ge ken­ne ich auch noch, „von frü­her.“ Aber gleich­zei­tig weiß ich, dass die­se Pha­se doch schon lang vor­bei ist; ein Flash­back in ein ver­gan­ge­nes Leben.

Im ehe­ma­li­gen Wohn­zim­mer ein Berg von lee­ren Akten­ord­nern; sein Nach­lass ist an das Staats­ar­chiv gegan­gen. Ins­ge­samt etwas trau­ri­ge Ver­an­stal­tung – aber wie­der die Erkennt­nis: eine Biblio­thek hat ihren Sinn zu Leb­zei­ten des Samm­lers. Er hin­ter­lässt aber Spu­ren, die für die Nach­welt span­nend sein kön­nen: Namens­ein­trä­ge, Unter­strei­chun­gen, Zeitungsartikel …

Die Bücher sind zum Teil diessel­ben, die mein Vater auch hat(te): Viel zu Musik; Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ist hier mit brei­ten Inter­es­sen ver­bun­den, mit Phi­lo­so­phie, Psychologie.

Neh­me eini­ges mit: Kar­tei­kar­ten mit Voka­beln, eine rororo-Mono­gra­phie zu Les­sing, Fer­di­nand de Sauss­u­res „Grund­la­gen der All­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft“, Tex­te auf Fran­zö­sisch (Flau­bert, „La Ten­ta­ti­on de saint Antoine“, Huys­mans, „La-bas“, André Gide, Les Caves du Vati­can…), Strohs Geschich­te der Rhe­to­rik. Klin­gers „Römi­sche Geis­tes­welt“. Dar­in mate­ri­ell inter­es­sant ein offen­sicht­lich als Ein­mer­ker ein­ge­leg­tes zer­knüll­tes Tem­po-Taschen­tuch. Ein Voka­bel­heft, das mich an mein Eng­lisch-Wör­ter­heft erin­nert, das ich abfo­to­gra­fiert und als Künst­ler­heft ver­öf­fent­licht hatte.

Schwer bela­den zie­hen wir von dannen.

12.1., Mon­tag

Sehe wie­der den schö­nen Druck des Fotos von Lau­ra Pilar Del­ga­do, mit den zwei Blü­ten, die zusam­men­hän­gen und sia­me­si­schen Zwil­lin­gen ähneln. Ich hat­te sie beim ein​Buch​.haus gekauft, im Rah­men der Akti­on, bei der Künst­ler Dru­cke zum Ver­kauf ein­rei­chen, um dem ein​Buch​.haus zu hel­fen, das von einem Was­ser­scha­den betrof­fen ist. Pos­te sie. 

Fahrt nach Ber­lin. Unter­wegs in Aus­ters 4321. Ent­de­cke jetzt, dass bei man­chen Kapi­teln (z.B. 4.2., 5.2.,) nur die Num­mern ste­hen, als sys­te­ma­ti­sche Kate­go­rie. Doch ist die Sei­te sonst leer: Der Prot­ago­nist ist in die­ser Vari­an­te bereits tot, in 2.2. von einem her­ab­stür­zen­den Ast erschla­gen. Freue mich über die­se (spä­te) Ent­de­ckung. Hat­te es bis­her ein­fach über­blät­tert. Ein­drück­lich auch der Paris­auf­ent­halt, mit den homo­se­xu­el­len Avan­cen. Erin­nert mich an die Fahrt nach Grie­chen­land oder bes­ser, die Rück­fahrt von Grie­chen­land, als ich tram­pend von einem Her­ren (König hieß er, glau­be ich) mit­ge­nom­men und dann ins Hotel ein­ge­la­den wurde.

Kom­me gegen Mit­ter­nacht an. Matteo noch auf, er liest Gedich­te von Kava­fis, grie­chisch-ita­lie­nisch, tes­to a fron­te. Eine Hin­ter­las­sen­schaft des Vor­mie­ters, Mar­co. Hin­ter den Leu­ten steckt doch mehr, als man ver­mu­tet. Ihre Sachen, ihre Bücher spre­chen eine eige­ne Spra­che. Neh­me die deut­sche Fas­sung von 4321 aus dem Regal und erzäh­le, dass ich das Buch gera­de lese.

13.1., Diens­tag

Wache gegen 7 Uhr auf; Undeut­li­ches Bild einer Maschi­ne vor Augen, eines Bau­teils aus Metall mit senk­rech­ten Stre­ben, wie eine Hei­zung, mit glat­ter mes­sing­ar­ti­ger Ver­klei­dung. Es steht an einer Trep­pe; hat eini­ge Kratz­spu­ren, ist schon etwas älter. Auf ein­mal sagt eine Stim­me, das sei ich — was mich erschreckt, ich wache auf. Viel­leicht von den Aus­ter-Geschich­ten beeinflusst?

Sit­ze in der Bru­no-Lösche-Biblio­thek. Abei­lung Roma­ne-Fan­ta­sy/­Co­mics. Das Mann-Denk­mal holt mich aber ein: Habe mir die Publi­ka­ti­on zu einer Aus­stel­lung in der U‑Bahn-Gale­rie Mün­chen mit­ge­nom­men, die Klaus Bäum­ler vom Bezirks­aus­schuss Mün­chen Max­vor­stadt geschickt hat. Setz­te Ant­wort an ihn auf. Die Kor­rek­tu­ren der Lek­to­rin vom Ker­ber-Ver­lag sind zurück.

14.1., Mitt­woch

Schwar­zer Tag heute.

Gleich zwei Zei­tun­gen ver­öf­fent­li­chen Arti­kel, in denen das Feh­len von Hein­rich Mann beim Denk­mal bemän­gelt wird, die Abend­zei­tung und die FAZ. Soll­te mich nicht ärgern, tut es aber doch.

Dane­ben ist das Aus­räu­men der Gale­rie Nord ziem­lich unan­ge­nehm. Wie­der so eine Haus­halts­auf­lö­sung, ein Umzug. Erin­nert mich sehr an die Situa­ti­on let­zen Sonn­tag, in Frei­sing bei Wil­fried Stroh. Sor­tie­re über­zäh­li­ge Exem­pla­re von Büchern, schaue, was noch Brauch­ba­res da ist, was ich viel­leicht selbst mit­neh­men will und kann.

Mache eine schnel­le Instal­la­ti­on mit RE:VISION, den Kata­lo­gen zum 20-jäh­ri­gen Jubi­lä­um, die sich in Schach­teln tür­men. Es han­delt sich um benut­ze Exem­pla­re, die ent­sorgt wer­den sol­len, etwa 50 Stück. Lege sie in einem Recht­eck am Boden aus. Stap­le die lee­ren Schach­teln über­ein­an­der. Ver­su­che ver­schie­de­ne Kon­stel­la­tio­nen. Gewis­se Hilf­lo­sig­keit. Es muss alles recht schnell gehen, und es ist kei­ne Ate­lier- oder Ausstellungssituation

Hel­fe dann mit, die Exem­pla­re in den Papier­con­tai­ner zu tra­gen. Spä­ter wer­de ich noch­mal vor­bei­kom­men, wie­der wel­che her­aus­fi­schen. Ich ertra­ge das ein­fach nicht.