1.1.2026, Donnerstag
Sonnig, erste Fotos des Jahres aus dem Schlafzimmerfenster, Blick auf die Baumschatten drüben auf dem Dach und der Hauswand, und der Baum, der den Schatten wirft. Er steht mitten im Hof, von Häusern eingeschlossen, breitet seine Äste nach allen Richtungen aus, wird von der Morgensonne plastisch beleuchtet.
Nachmittags in der Villa Stuck. Die Malerei von Louise Giovanelli (Vorhänge, Szenen der Partykultur, Küsse, Konsumkultur ….) ganz fantastisch. Interessant, in den Räumen nur Malerei zu sehen, keine medial diverse Kunst. Bringt Ruhe hinein. Ruhe, die dem Thema zu widersprechen scheint.
Dann hinauf ins Obergeschoss, wo die Ausstellung über Bücher und Bibliotheken ist, an der ich mit einem Zitat an der Wand und der Begleitpublikation beteiligt bin.
Ziehe mehrere Bücher aus den Kartons, u.a. einen Katalog von Albert Weis. Es gibt auch mehrere noch eingeschweißte, u.a. einen von Heinz Butz, dessen Namen mir bekannt ist, dann von Rachel Whiteread … Packe sie aus, sehe hinein.
Irgendwie scheint mir aber das Konzept der Ausstellung nicht ganz aufzugehen. Besucher können in die Schachteln hineinschauen, ja, und Bücher herausnehmen, sie ablegen, wenn sie wollen ordnen. Aber zu erwarten, dass daraus eine neue Ordnung, eine Bibliothek entstehen würde? Eine Bibliothek ist eine komplexe, organisch gewachsene Ordnung, nach Prinzipien, die sich eine Person ausgedacht hat oder auf die man sich als Gruppe einigt und halbwegs konsequent umsetzt.
Diese Ordnung ist in dem Fall unklar. Oder, wo sie vorgegeben ist (Beschriftung der Schachteln nach Orten/Institutionen) traut man sich nicht, sie zu ändern. Positiv gesprochen: die Ausstellung weist genau auf diese Probleme hin.
Tee im Café der Archäologischen Staatssammlung. In die Schack-Galerie in der Prinzregentenstr. Bilder von Schwind, Feuerbach. Wieder ziemlich unglaublich, diese märchenhaft-verspielten Bilder, auch das Pathos. Dann aber auch wirklich gute Malerei, von Rottmann etwa, seine südlichen Landschaften, oder von Feuerbach, ein Blumenstilleben.
Idee für Projekt mit Folien der noch unausgepackten Bücher. Fange eine Mail an Sabine Schmid von der Villa Stuck an, als Vorschlag, schicke sie allerdings noch nicht ab. Es sind noch Feiertage, bin noch nicht so recht in Arbeitsstimmung.
2.1., Freitag.
Schneefall, windig. Laufen mit E., die wiederum die Initiative ergreift. Überwindung, nach draußen zu gehen, sich zu bewegen. Im Nachhinein immer richtig.
Beginne bzw. lese weiter in Paul Austers 4321. Hatte das (vor)letztes Jahr angefangen; es waren mir aber zu viele Namen, die Genealogie der Fergusons zu kompliziert. Jetzt freue ich mich noch einmal an der Genese des Namens, vom osteuropäisch-jiddischen über das vorgeschlagene amerikanische Rockefeller, der aber vergessen wird, gerade aber so, im Vergessen, zum neuen Namen wird, vom jiddischen „ich hob fargossn zu „Ferguson“.Hoffe, dass ich mich diesmal wieder besser konzentrieren kann.
Etwas am Mann-Buch. Werde die Blogeinträge bis zur Eröffnung aktualisieren müssen. Wie mit den Bildern umgehen? Vielleicht längere Bilderstrecken vorne, in der Mitte, hinten?
4.1. 2026, Sonntag
Mache eine Liste der Bücher, die sich neben meinem Bett türmen, die ich teilweise gelesen habe oder es noch vorhabe, stapelweise von oben nach unten:
Paul Auster: 4321
Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte
Michel Houellebecq: Rester vivant
John Berger: Steps Towards a Small Theory of the Visible
Anna Seghers: Ausgewählte Erzählungen
Four Gothic Novels (u.a. Mary Shelley: Frankenstein)
Jules Verne: La Jangada (aus Tournus)
Franz von Bayern: Zuschauer in der ersten Reihe
Maxim Biller: Mama Odessa (bei Dussmann gekauft)
Alexandre Dumas: Le Comte du Monte-Christo I
Paul Bourget: Sensations d’Italie (Buchladen Beaune)
Karl Schlögl: Das sowjetische Imperium
Alberto Manguel: Die Bibliothek bei Nacht
Herman Melville: Billy Budd and Other Stories
Paul Auster: Timbuktu
Karl Schlögl: American Matrix
Die Gegenwart: Deutschsprachige Erzähler der Jahrgänge 1900–1960
Oswald Wiener: die Verbesserung von Mitteleuropa
Ella Al-Shamahi: Der Handschlag
Juli Zeh: Unter Leuten
Albert von Schirnding: War ich das? Von Ankünften und Abschieden
Gaea Schroeters: Trophäe
Georges Simeon: Maigret et le clochard (Buchladen Beaune)
Jonathan Franzen: Purity
David Foster Wallace: A supposedly fun thing I’ll never do again
Sasa Stanisic: Wie der Soldat das Gramofon repariert
Daniel Defoe: Robinson Crusoe
Jonathan Franzen: How to be Alone
Paul Auster: 4321
Christian Kracht: 1979
Jorge Louis Borges: El Aleph
August Strindberg: Am offenen Meer
Steinbachs Naturführer Mineralien
Rudyard Kipling: The complete Stalky Stories
Millionär na podwale. Russischer Lernkrimi
Wolfgang Ullrich: Identifikation und Empowerment
Dirk Siepmann: Le Francais dans tous ses états
Gabriel Yoran: Die Verkrempelung der Welt
Erich Meier: Logbuch
Modern English Short Stories II
Rudyard Kipling: The Man Who Would Be King
Joseph Conrad: Youth. Heart of Darkness. The End of the Tether
The David Foster Wallace Reader
Tournier: Le goutte d’or
Bruno Blasselle: Histoire du livre
Pindar: Oden
Carsten Lisecki: Der Arbeitsaufenthalt als Beitrag zur Erholungsforschung
Peter Ade: Picasso, Kokoschka und all die anderen
Wolfgang Haas: Wackelkontakt
Portrait du vocabulaire francais (Larousse)
Jonathan Franzen: The Kraus Project
Langenscheids praktisches Lehrbuch Russisch
Hans Magnus Enzensberger: Arch, Europa!
Joseph Roth: Erzählungen.
Reinhold Messner: Gehe ich nicht, gehe ich kaputt
Dostojewski: Der Spieler
Dostojewski: Igrok (Reclam, Russisch)
Mo, 5.1.
Verzweifelte Versuche, den Regalraum für die Aufstellung von mehr Büchern zu optimieren. Ausräumen der Gläser, einige kommen gegenüber auf das Brett über der Küchenzeile, wo auch schon andere stehen. Dann verschieben der Bretter um einige Zentimeter, um Platz für ein weiteres Brett zu schaffen. Gelegenheit zum Blättern und Stöbern. Idee, einen Film mit Signaturen in Büchern zu machen.
6.1. Dienstag,
Am frühen Morgen Aufwachen, kann nicht mehr einschlafen. In Austers 4321 weiter. Verblüffender Zufall: Der Protagonist Ferguson veröffentlicht in einer selbst herausgegebenen Schülerzeitung einen Artikel zum Angriff auf Präsident Nixon in Caracas, Venezuela 1958 (Headline Fracas in Caracas). Und das genau zum Zeitpunkt des amerikanischen Eingreifens in Venezuela 2026! Tauche jetzt doch stark in den Roman ein. Bis zum Abend komme ich schon auf über 300 gelesene Seiten!
Als Nebeneffekt eine Reihe von Anregungen, u.a. Filme wie „Les Enfants du Paradise“.
Dafür blende ich die zu tuenden Dinge des alten und neuen Jahres aus, die sich schon wieder abzeichnen, die Termineinträge im Kalender, die E‑mails, in die ich heute gar nicht schaue. Soviel Zeit muss sein.
Der Zweifel des Jugendlichen Ferguson an der Existenz Gottes, der so viel Schlechtes in der Welt zulässt, und der Versuch, Gott auf die Probe zu stellen, durch bewusst schlechte Leistungen in der Schule, ein Zeichen von ihm zu bekommen, eine Art von Bestrafung. „Ontologic chicken“ hierfür die schöne Bezeichnung. Das kann ich nachvollziehen. Ähnliche Probleme und Fragen hatte ich als Jugendlicher, als 12-jähriger auch.
Allmählich komme ich hinter die erzählerische Struktur und Pointe: eine (Lebens)geschichte immer wieder neu zu erzählen, mit leichten Varianten. Es hätte auch anders kommen können. Wenn dieses oder jenes Ereignis nicht gewesen wäre ….
Die eingewebte Geschichte von den Two Pair of Shows. Könnte Auster tatsächlich als Jugendlicher geschrieben haben. Aber ob der Entschluss, Schriftsteller zu werden, wirklich schon mit 14 Jahren feststand? In einer anderen Version durch die Lektüre von „Crime and Punishment“ (Schuld und Sühne) beeinflusst.
