Jour­nal 1.1.–8.1.2026; Bücher, Biblio­the­ken, Paul Auster

1.1.2026, Don­ners­tag

Son­nig, ers­te Fotos des Jah­res aus dem Schlaf­zim­mer­fens­ter, Blick auf die Baum­schat­ten drü­ben auf dem Dach und der Haus­wand, und der Baum, der den Schat­ten wirft. Er steht mit­ten im Hof, von Häu­sern ein­ge­schlos­sen, brei­tet sei­ne Äste nach allen Rich­tun­gen aus, wird von der Mor­gen­son­ne plas­tisch beleuchtet.

Nach­mit­tags in der Vil­la Stuck. Die Male­rei von Loui­se Gio­va­nel­li (Vor­hän­ge, Sze­nen der Par­ty­kul­tur, Küs­se, Kon­sum­kul­tur ….) ganz fan­tas­tisch. Inter­es­sant, in den Räu­men nur Male­rei zu sehen, kei­ne medi­al diver­se Kunst. Bringt Ruhe hin­ein. Ruhe, die dem The­ma zu wider­spre­chen scheint.

Dann hin­auf ins Ober­ge­schoss, wo die Aus­stel­lung über Bücher und Biblio­the­ken ist, an der ich mit einem Zitat an der Wand und der Begleit­pu­bli­ka­ti­on betei­ligt bin.

Zie­he meh­re­re Bücher aus den Kar­tons, u.a. einen Kata­log von Albert Weis. Es gibt auch meh­re­re noch ein­ge­schweiß­te, u.a. einen von Heinz Butz, des­sen Namen mir bekannt ist, dann von Rachel White­read … Packe sie aus, sehe hinein.

Irgend­wie scheint mir aber das Kon­zept der Aus­stel­lung nicht ganz auf­zu­ge­hen. Besu­cher kön­nen in die Schach­teln hin­ein­schau­en, ja, und Bücher her­aus­neh­men, sie able­gen, wenn sie wol­len ord­nen. Aber zu erwar­ten, dass dar­aus eine neue Ord­nung, eine Biblio­thek ent­ste­hen wür­de? Eine Biblio­thek ist eine kom­ple­xe, orga­nisch gewach­se­ne Ord­nung, nach Prin­zi­pi­en, die sich eine Per­son aus­ge­dacht hat oder auf die man sich als Grup­pe einigt und halb­wegs kon­se­quent umsetzt.

Die­se Ord­nung ist in dem Fall unklar. Oder, wo sie vor­ge­ge­ben ist (Beschrif­tung der Schach­teln nach Orten/Institutionen) traut man sich nicht, sie zu ändern. Posi­tiv gespro­chen: die Aus­stel­lung weist genau auf die­se Pro­ble­me hin.

Tee im Café der Archäo­lo­gi­schen Staats­samm­lung. In die Schack-Gale­rie in der Prinz­re­gen­ten­str. Bil­der von Schwind, Feu­er­bach. Wie­der ziem­lich unglaub­lich, die­se mär­chen­haft-ver­spiel­ten Bil­der, auch das Pathos. Dann aber auch wirk­lich gute Male­rei, von Rott­mann etwa, sei­ne süd­li­chen Land­schaf­ten, oder von Feu­er­bach, ein Blumenstilleben. 

Idee für Pro­jekt mit Foli­en der noch unaus­ge­pack­ten Bücher. Fan­ge eine Mail an Sabi­ne Schmid von der Vil­la Stuck an, als Vor­schlag, schi­cke sie aller­dings noch nicht ab. Es sind noch Fei­er­ta­ge, bin noch nicht so recht in Arbeitsstimmung.

2.1., Frei­tag.

Schnee­fall, win­dig. Lau­fen mit E., die wie­der­um die Initia­ti­ve ergreift. Über­win­dung, nach drau­ßen zu gehen, sich zu bewe­gen. Im Nach­hin­ein immer richtig.

Begin­ne bzw. lese wei­ter in Paul Aus­ters 4321. Hat­te das (vor)letztes Jahr ange­fan­gen; es waren mir aber zu vie­le Namen, die Genea­lo­gie der Fer­gu­sons zu kom­pli­ziert. Jetzt freue ich mich noch ein­mal an der Gene­se des Namens, vom ost­eu­ro­pä­isch-jid­di­schen über das vor­ge­schla­ge­ne ame­ri­ka­ni­sche Rocke­fel­ler, der aber ver­ges­sen wird, gera­de aber so, im Ver­ges­sen, zum neu­en Namen wird, vom jid­di­schen „ich hob far­gossn zu „Ferguson“.Hoffe, dass ich mich dies­mal wie­der bes­ser kon­zen­trie­ren kann.

Etwas am Mann-Buch. Wer­de die Blog­ein­trä­ge bis zur Eröff­nung aktua­li­sie­ren müs­sen. Wie mit den Bil­dern umge­hen? Viel­leicht län­ge­re Bil­der­stre­cken vor­ne, in der Mit­te, hinten?

4.1. 2026, Sonntag

Mache eine Lis­te der Bücher, die sich neben mei­nem Bett tür­men, die ich teil­wei­se gele­sen habe oder es noch vor­ha­be, sta­pel­wei­se von oben nach unten:

Paul Aus­ter: 4321
Rai­ner Maria Ril­ke: Gesam­mel­te Gedich­te
Michel Hou­el­le­becq: Res­ter vivant
John Ber­ger: Steps Towards a Small Theo­ry of the Visi­ble
Anna Seg­hers: Aus­ge­wähl­te Erzäh­lun­gen
Four Gothic Novels (u.a. Mary Shel­ley: Fran­ken­stein)
Jules Ver­ne: La Jan­ga­da (aus Tour­nus)
Franz von Bay­ern: Zuschau­er in der ers­ten Rei­he
Maxim Bil­ler: Mama Odes­sa (bei Duss­mann gekauft)
Alex­and­re Dumas: Le Comte du Mon­te-Chris­to I
Paul Bour­get: Sen­sa­ti­ons d’I­ta­lie (Buch­la­den Beau­ne)
Karl Schlögl: Das sowje­ti­sche Impe­ri­um
Alber­to Man­guel: Die Biblio­thek bei Nacht
Her­man Mel­ville: Bil­ly Budd and Other Sto­ries
Paul Aus­ter: Tim­buk­tu
Karl Schlögl: Ame­ri­can Matrix

Die Gegen­wart: Deutsch­spra­chi­ge Erzäh­ler der Jahr­gän­ge 1900–1960
Oswald Wie­ner: die Ver­bes­se­rung von Mit­tel­eu­ro­pa
Ella Al-Shamahi: Der Hand­schlag

Juli Zeh: Unter Leu­ten
Albert von Schirn­ding: War ich das? Von Ankünf­ten und Abschie­den
Gaea Schroe­ters: Tro­phäe
Geor­ges Sime­on: Mai­gret et le clo­chard (Buch­la­den Beau­ne)
Jona­than Fran­zen: Puri­ty
David Fos­ter Wal­lace: A sup­po­sedly fun thing I’ll never do again
Sasa Sta­ni­sic: Wie der Sol­dat das Gra­mo­fon repa­riert
Dani­el Defoe: Robin­son Cru­soe
Jona­than Fran­zen: How to be Alo­ne
Paul Aus­ter: 4321
Chris­ti­an Kracht: 1979
Jor­ge Lou­is Bor­ges: El Aleph
August Strind­berg: Am offe­nen Meer
Stein­bachs Natur­füh­rer Mineralien

Rudyard Kipling: The com­ple­te Stal­ky Sto­ries
Mil­lio­när na pod­wale. Rus­si­scher Lern­kri­mi
Wolf­gang Ull­rich: Iden­ti­fi­ka­ti­on und Empower­ment
Dirk Siep­mann: Le Fran­cais dans tous ses états
Gabri­el Yoran: Die Ver­krem­pe­lung der Welt
Erich Mei­er: Log­buch
Modern Eng­lish Short Sto­ries II
Rudyard Kipling: The Man Who Would Be King
Joseph Con­rad: Youth. Heart of Dark­ness. The End of the Tether
The David Fos­ter Wal­lace Rea­der
Tour­nier: Le gout­te d’or
Bru­no Blas­sel­le: His­toire du liv­re
Pin­dar: Oden
Cars­ten Lis­e­cki: Der Arbeits­auf­ent­halt als Bei­trag zur Erho­lungs­for­schung
Peter Ade: Picas­so, Kokosch­ka und all die ande­ren
Wolf­gang Haas: Wackel­kon­takt
Por­trait du voca­bu­lai­re fran­cais (Larous­se)
Jona­than Fran­zen: The Kraus Pro­ject
Lan­gen­scheids prak­ti­sches Lehr­buch Rus­sisch
Hans Magnus Enzens­ber­ger: Arch, Euro­pa!
Joseph Roth: Erzählungen.

Rein­hold Mess­ner: Gehe ich nicht, gehe ich kaputt
Dos­to­jew­ski: Der Spie­ler
Dos­to­jew­ski: Igrok (Reclam, Russisch)

Mo, 5.1.

Ver­zwei­fel­te Ver­su­che, den Regal­raum für die Auf­stel­lung von mehr Büchern zu opti­mie­ren. Aus­räu­men der Glä­ser, eini­ge kom­men gegen­über auf das Brett über der Küchen­zei­le, wo auch schon ande­re ste­hen. Dann ver­schie­ben der Bret­ter um eini­ge Zen­ti­me­ter, um Platz für ein wei­te­res Brett zu schaf­fen. Gele­gen­heit zum Blät­tern und Stö­bern. Idee, einen Film mit Signa­tu­ren in Büchern zu machen.

6.1. Diens­tag,

Am frü­hen Mor­gen Auf­wa­chen, kann nicht mehr ein­schla­fen. In Aus­ters 4321 wei­ter. Ver­blüf­fen­der Zufall: Der Prot­ago­nist Fer­gu­son ver­öf­fent­licht in einer selbst her­aus­ge­ge­be­nen Schü­ler­zei­tung einen Arti­kel zum Angriff auf Prä­si­dent Nixon in Cara­cas, Vene­zue­la 1958 (Head­line Fra­cas in Cara­cas). Und das genau zum Zeit­punkt des ame­ri­ka­ni­schen Ein­grei­fens in Vene­zue­la 2026! Tau­che jetzt doch stark in den Roman ein. Bis zum Abend kom­me ich schon auf über 300 gele­se­ne Seiten!

Als Neben­ef­fekt eine Rei­he von Anre­gun­gen, u.a. Fil­me wie „Les Enfants du Paradise“.

Dafür blen­de ich die zu tuen­den Din­ge des alten und neu­en Jah­res aus, die sich schon wie­der abzeich­nen, die Ter­min­ein­trä­ge im Kalen­der, die E‑mails, in die ich heu­te gar nicht schaue. Soviel Zeit muss sein.

Der Zwei­fel des Jugend­li­chen Fer­gu­son an der Exis­tenz Got­tes, der so viel Schlech­tes in der Welt zulässt, und der Ver­such, Gott auf die Pro­be zu stel­len, durch bewusst schlech­te Leis­tun­gen in der Schu­le, ein Zei­chen von ihm zu bekom­men, eine Art von Bestra­fung. „Onto­lo­gic chi­cken“ hier­für die schö­ne Bezeich­nung. Das kann ich nach­voll­zie­hen. Ähn­li­che Pro­ble­me und Fra­gen hat­te ich als Jugend­li­cher, als 12-jäh­ri­ger auch.

All­mäh­lich kom­me ich hin­ter die erzäh­le­ri­sche Struk­tur und Poin­te: eine (Lebens)geschichte immer wie­der neu zu erzäh­len, mit leich­ten Vari­an­ten. Es hät­te auch anders kom­men kön­nen. Wenn die­ses oder jenes Ereig­nis nicht gewe­sen wäre ….

Die ein­ge­web­te Geschich­te von den Two Pair of Shows. Könn­te Aus­ter tat­säch­lich als Jugend­li­cher geschrie­ben haben. Aber ob der Ent­schluss, Schrift­stel­ler zu wer­den, wirk­lich schon mit 14 Jah­ren fest­stand? In einer ande­ren Ver­si­on durch die Lek­tü­re von „Crime and Punish­ment“ (Schuld und Süh­ne) beeinflusst.