Jour­nal 11.1.–14.1.2026; Aus­räu­men: Stroh, Kunst­ver­ein Tiergarten

11.1., Sonn­tag

Abho­lung des Pflas­ter­steins vom Sal­va­tor­platz, den ich als Mul­ti­ple in einer Aus­stel­lung gezeigt hat­te, in der Gale­rie der Künst­ler. Gegen Mit­tag nach Frei­sing, Woh­nungs­auf­lö­sung von Wil­fried Stroh, mei­nem ehe­ma­li­gen Latein­pro­fes­sor.
Zunächst den Dom­berg hin­auf; beim Blick auf das Pflas­ter muss ich an die bemän­gel­te Pflas­te­rung am Sal­va­tor­platz den­ken, das Denk­mal lässt mich noch nicht los.
Der Dom. Die fan­tas­ti­sche Kon­struk­ti­on mit dem tie­fer­lie­gen­den Mit­tel­raum, in den man nach der Ein­gangs­hal­le hin­un­ter­steigt. Drü­ben, am ande­ren Ende, wie­der eine Trep­pe, die hin­auf in den Chor führt. Dar­un­ter wie­der eine Trep­pe, hin­un­ter in die Kryp­ta. Im Kreuz­gang. Die Käl­te kriecht von allen Sei­ten her­an. Bes­ser nicht zu lan­ge ste­hen­blei­ben. Eini­ge Frot­ta­gen, von Buch­sta­ben „A“. 

Zur Woh­nung von Stroh, wo ich vor ca. 30 Jah­ren gehol­fen habe, Rega­le auf­zu­bau­en und Bücher ein­zu­räu­men, als ich Hilfs­kraft bei ihm war. Jetzt wird aus­ge­räumt; ein Besen ist in unten in die Tür geklemmt, um Inter­es­sen­ten den Zugang zu ermög­li­chen. Es sind doch vie­le da, die Bücher durch­fors­ten, mit­neh­men, in Taschen, Kar­tons, Roll­kof­fern, Ruck­sä­cken. Inso­fern eine schö­ne Art der Anteil­nah­me und des Inter­es­ses. Eini­ge ken­ne ich auch noch, „von frü­her.“ Aber gleich­zei­tig weiß ich, dass die­se Pha­se doch schon lang vor­bei ist; ein Flash­back in ein ver­gan­ge­nes Leben.

Im ehe­ma­li­gen Wohn­zim­mer ein Berg von lee­ren Akten­ord­nern; sein Nach­lass ist an das Staats­ar­chiv gegan­gen. Ins­ge­samt etwas trau­ri­ge Ver­an­stal­tung – aber wie­der die Erkennt­nis: eine Biblio­thek hat ihren Sinn zu Leb­zei­ten des Samm­lers. Er hin­ter­lässt aber Spu­ren, die für die Nach­welt span­nend sein kön­nen: Namens­ein­trä­ge, Unter­strei­chun­gen, Zeitungsartikel …

Die Bücher sind zum Teil diessel­ben, die mein Vater auch hat(te): Viel zu Musik; Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ist hier mit brei­ten Inter­es­sen ver­bun­den, mit Phi­lo­so­phie, Psychologie.

Neh­me eini­ges mit: Kar­tei­kar­ten mit Voka­beln, eine rororo-Mono­gra­phie zu Les­sing, Fer­di­nand de Sauss­u­res „Grund­la­gen der All­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft“, Tex­te auf Fran­zö­sisch (Flau­bert, „La Ten­ta­ti­on de saint Antoine“, Huys­mans, „La-bas“, André Gide, Les Caves du Vati­can…), Strohs Geschich­te der Rhe­to­rik. Klin­gers „Römi­sche Geis­tes­welt“. Dar­in mate­ri­ell inter­es­sant ein offen­sicht­lich als Ein­mer­ker ein­ge­leg­tes zer­knüll­tes Tem­po-Taschen­tuch. Ein Voka­bel­heft, das mich an mein Eng­lisch-Wör­ter­heft erin­nert, das ich abfo­to­gra­fiert und als Künst­ler­heft ver­öf­fent­licht hatte.

Schwer bela­den zie­hen wir von dannen.

12.1., Mon­tag

Sehe wie­der den schö­nen Druck des Fotos von Lau­ra Pilar Del­ga­do, mit den zwei Blü­ten, die zusam­men­hän­gen und sia­me­si­schen Zwil­lin­gen ähneln. Ich hat­te sie beim ein​Buch​.haus gekauft, im Rah­men der Akti­on, bei der Künst­ler Dru­cke zum Ver­kauf ein­rei­chen, um dem ein​Buch​.haus zu hel­fen, das von einem Was­ser­scha­den betrof­fen ist. Pos­te sie. 

Fahrt nach Ber­lin. Unter­wegs in Aus­ters 4321. Ent­de­cke jetzt, dass bei man­chen Kapi­teln (z.B. 4.2., 5.2.,) nur die Num­mern ste­hen, als sys­te­ma­ti­sche Kate­go­rie. Doch ist die Sei­te sonst leer: Der Prot­ago­nist ist in die­ser Vari­an­te bereits tot, in 2.2. von einem her­ab­stür­zen­den Ast erschla­gen. Freue mich über die­se (spä­te) Ent­de­ckung. Hat­te es bis­her ein­fach über­blät­tert. Ein­drück­lich auch der Paris­auf­ent­halt, mit den homo­se­xu­el­len Avan­cen. Erin­nert mich an die Fahrt nach Grie­chen­land oder bes­ser, die Rück­fahrt von Grie­chen­land, als ich tram­pend von einem Her­ren (König hieß er, glau­be ich) mit­ge­nom­men und dann ins Hotel ein­ge­la­den wurde.

Kom­me gegen Mit­ter­nacht an. Matteo noch auf, er liest Gedich­te von Kava­fis, grie­chisch-ita­lie­nisch, tes­to a fron­te. Eine Hin­ter­las­sen­schaft des Vor­mie­ters, Mar­co. Hin­ter den Leu­ten steckt doch mehr, als man ver­mu­tet. Ihre Sachen, ihre Bücher spre­chen eine eige­ne Spra­che. Neh­me die deut­sche Fas­sung von 4321 aus dem Regal und erzäh­le, dass ich das Buch gera­de lese.

13.1., Diens­tag

Wache gegen 7 Uhr auf; Undeut­li­ches Bild einer Maschi­ne vor Augen, eines Bau­teils aus Metall mit senk­rech­ten Stre­ben, wie eine Hei­zung, mit glat­ter mes­sing­ar­ti­ger Ver­klei­dung. Es steht an einer Trep­pe; hat eini­ge Kratz­spu­ren, ist schon etwas älter. Auf ein­mal sagt eine Stim­me, das sei ich — was mich erschreckt, ich wache auf. Viel­leicht von den Aus­ter-Geschich­ten beeinflusst?

Sit­ze in der Bru­no-Lösche-Biblio­thek. Abei­lung Roma­ne-Fan­ta­sy/­Co­mics. Das Mann-Denk­mal holt mich aber ein: Habe mir die Publi­ka­ti­on zu einer Aus­stel­lung in der U‑Bahn-Gale­rie Mün­chen mit­ge­nom­men, die Klaus Bäum­ler vom Bezirks­aus­schuss Mün­chen Max­vor­stadt geschickt hat. Setz­te Ant­wort an ihn auf. Die Kor­rek­tu­ren der Lek­to­rin vom Ker­ber-Ver­lag sind zurück.

14.1., Mitt­woch

Schwar­zer Tag heute.

Gleich zwei Zei­tun­gen ver­öf­fent­li­chen Arti­kel, in denen das Feh­len von Hein­rich Mann beim Denk­mal bemän­gelt wird, die Abend­zei­tung und die FAZ. Soll­te mich nicht ärgern, tut es aber doch.

Dane­ben ist das Aus­räu­men der Gale­rie Nord ziem­lich unan­ge­nehm. Wie­der so eine Haus­halts­auf­lö­sung, ein Umzug. Erin­nert mich sehr an die Situa­ti­on let­zen Sonn­tag, in Frei­sing bei Wil­fried Stroh. Sor­tie­re über­zäh­li­ge Exem­pla­re von Büchern, schaue, was noch Brauch­ba­res da ist, was ich viel­leicht selbst mit­neh­men will und kann.

Mache eine schnel­le Instal­la­ti­on mit RE:VISION, den Kata­lo­gen zum 20-jäh­ri­gen Jubi­lä­um, die sich in Schach­teln tür­men. Es han­delt sich um benut­ze Exem­pla­re, die ent­sorgt wer­den sol­len, etwa 50 Stück. Lege sie in einem Recht­eck am Boden aus. Stap­le die lee­ren Schach­teln über­ein­an­der. Ver­su­che ver­schie­de­ne Kon­stel­la­tio­nen. Gewis­se Hilf­lo­sig­keit. Es muss alles recht schnell gehen, und es ist kei­ne Ate­lier- oder Ausstellungssituation

Hel­fe dann mit, die Exem­pla­re in den Papier­con­tai­ner zu tra­gen. Spä­ter wer­de ich noch­mal vor­bei­kom­men, wie­der wel­che her­aus­fi­schen. Ich ertra­ge das ein­fach nicht.