„Journal, 16./17.5.; Fotos, Sammlungen, Nuremberg, Baustellen, Schlangenbaum“ weiterlesen
Journal, 14.5.26 — Verschreibungen …
14.5., Donnersgtag
Habe mir gestern bei Kaufland in Lichtenberg einen Rasierer gekauft, den ich heute auspacke (verwende eine Rasierklinge zum Aufschneiden der Verpackung). Diese geöffneten und „leeren“ Verpackungen finde ich ganz reizvoll als Objekte; mit dem umlaufenden Papierrest, der semi-abstrakten Hülle, bei der man häufig nur mehr erahnen kann, was da verpackt war. Diese Hüllen hebe ich an und ab auf; so oft kaufe ich ja gar nicht etwas, das eingeschweißt wäre; Hygieneartikel wie Zahnseide, Zahnbürsten (die aber immer häufiger aus Holz und in Schachtgeln); Batterien … Eine kleine Sammlung, bei der auch noch etwas unklar ist, was ich mit ihr mache. Zunächst hängt die Hülle, die ja oben ein Loch zum Aufhängen hat, an einem Kleiderhaken.
Rasiere mich dann auch gleich damit. Bedürfnis nach Reinigung. Sollte das zu einer Routine machen, ebenso wie das Scheiben (denke hier natürlich an T.M. ) oder Zeichnen.
Berühre den Rasierer unbeabichtigt an der Klinge – ein kleiner Schnitt am Zeigefinger ist das Resuluat. Klebe ein Pflaster darum. Vielleicht wäre das gar nicht nötig. Aber dieses kleine Hindernis reicht aus, um beim Schreiben auf der Tatstatur reine Reihe von Tippfehlern zu erzugen, die häuig nicht ganz reizlos sind, und die ich häufig auch erstmal so srtehe lasse. Mit getapten Fingern schreiben – vermutlich ist da schon ein Performancekünstler drauf gekommen; es gibt ja bewusste Selbst-restraints, die sich z.B. Bruce Naumann auferlegt bzw. angelegt hat, beim Zeihnen, zusammengebundene Gliedmaßen etc. Wann ein Tippfehler durch das Pflaster, wann er „einfach so“ entseht, ist allerdings kaum zu sagen. Afu jeden Fall häufen sie sich. Und ich korrigiere sie erstmal nicht.
Uff. Bin schon froh, wenn ich zwei Absätze geschrieben habe. Konzentrationsprobleme. Aber auch heir wieder: im Zug geht es besser.
9.4. Journal — Regensburg und Reiseführer
Vorbereitung für Fahrt nach Regensburg. Dafür in Karten und Reiseführern. Im Dehio, Süddeutschland, den ich von Albrecht Busch bekommen habe und der seinem Vater Karl Busch gehörte, dem Kunsthistoriker.
Für eine schnelle Übersicht greife ich zum Baedecker Deutschland, von 1996. Sehe, dass mein Vater mir ihn geschenkt hat, mit Widmung: “ ‘Heimat, wie bist du so schön!”
Idee: Ich könnte eine Monographie, einen Katalog, zugleich eine Art Autobiographie machen nach dem Modell eines Reiseführers. Er wäre nach Städten angelegt, diese nach dem ABC geordnet. Innerhalb der Städte sind es Institutionen, an denen A.C. ausgestellt hat, Orte, mit denen er in Beziehung steht, die er besucht hat …
Dieses Buch entspricht einem Ortsindex, wie man ihn manchmal als Anhang findet. Ergänzt werden könnte das Buch durch eine Personenindex; eine Adresskartei von Personen, mit denen AC in Verbindung steht/stand.
Notiere das im Notizbuch. Fotografiere es dann ab und füge den extrahierten Text in diesen Blog ein, auch weil ich neugierig bin, wie das funktioniert. Die automatische Texterkennung mixt noch Minden und Mostar hinzu — was ich wieder streiche. Und dann füge ich natürlich noch einige Städte ein. Es ergibt sich folgende Liste
Alexandria
Augsburg
Bamberg
Berlin
Bern
Carrara
Dillingen
Düsseldorf
Genua
Hermannstadt/Sibiu
Lauingen
München
New York
Paris
Pisa
Peking
Poznan
Regensburg
Rom
São Paolo
Schöppingen
St. Gallen
St. Petersburg
Venedig
Wien
Zug
Zürich
10.3.26 Journal — Venedig
Gegen fünf Uhr auf. Um sechs läutet der Wecker.
Trotz der Nacht Enthusiasmus über den anbrechenden Morgen.
Fahrt nach Venedig. Fahrt über den Brenner. Pension Seguso – angeblich hat John Ruskin hier gewohnt. Nähe Accademia und Vaporetto Zattere. Noch ganz im Stile d’Epoca. Doppeltüren, mit Butzenscheiben. Das Schlüsselbrett allein ist toll, eine Architektur für sich, mit den Fächern der Zimmer, in denen die Schlüssel hängen, an ihnen große ovale, an Fische erinnernde Anhänger, die gegen die Schlüssel schlagen und leise, glockenartig klirren, wenn man sie in die Hand nimmt.

Das Zimmer mit zwei Fenstern zum Kanal. Man hört nachts Boote aneinanderstoßen, Wellen, Schaukeln. Das hat etwas Beruhigendes.
Die Möbel historisch-venezianisch: ein riesiger Spiegelschrank mit einem muschelartigen Rahmen-Aufbau, der nach oben hin spitz zuläuft; anscheinend für das Zimmer gemacht, da die Spitze genau unter die Decke passt. Auch eine Architektur.
Überhaupt Spiegel überall: gegenüber dem Schrank, an der anderen Wand, ein weiterer, geschwungen, mit einem durchbrochenem barocken Gekröse, mit Spitzen und Voluten nach allen Seiten. Und an Längswand des Zimmers, zwischen den Fenstern, ein Tisch mit noch einem Spiegel. Zwischen diesen Spiegeln geht es hin und her. Das Bedürfnis, den Raum zu weiten, Dunkelheit und Enge zu vertreiben, das Licht hereinzuholen. Und Aufweis von Luxus. Venedig als Stadt der Spiegel. Das Wasser der Kanäle ebenfalls spiegelnd. Aber das hat Joseph Brodski wahrscheinlich auch schon notiert … Nicht schlimm, man kann Beobachtungen, Entdeckungen subjektiv neu machen, auch wenn sie objektiv gesehen so neu nicht sind.

In der Gesuati-Kirche, nebenan. Das gemetisch-optische Muster der eingelegten Steine im Boden. Erinnere mich, dass ich hier zu Corona-Zeiten Fotos gemacht hatte, von den Aufklebern auf den Sitzen, dass man sich dort hinzusetzen habe, dann im Heft „Sacred Distancing“ veröffentlicht.
Fresken von Tiepolo an der Decke; metallisch-graublau. Ganz eigen.
Libreria Bruno in der Nähe. Ein toller Laden für Kunstbücher, wo gleich zwei Publikationen ausgelegt sind, an denen ich beteiligt bin: Der große Band über die Library of Artistic Print on Demand, und der kleine dicke über die Aktivitäten von A‑Z in Berlin, wo ich 2021 die Ausstellung „Books to Do“ hatte. Freut mich, beides hier in Venedig wiederzusehen.

Kaufe ein Leporello-Buch von Pierfrancesco Celada: Counting Ships; Aufnahmen durch ein Fährenfenster in Hongkong. Erinnert mich an eigene Bilder, durch Fenster der Fähre New York ‑ Staten Island. Hier sehr konsequent verfolgt – und auf der Rückseite sind die Ausschnitte von Containerschiffen zu einem einzigen langen zusammengesetzt. Und ein Buch über Bücher „Against Coffe Table Books“ von Davide Tolfo.

Schlenker zu Madonna del Carmine. Dunkel. Schön. Gotischer Chor, nördl. Seitenaltar mit Gemälde von Cima da Conigliano.
Journal 11.1.–14.1.2026; Ausräumen: Stroh, Kunstverein Tiergarten
11.1., Sonntag
Abholung des Pflastersteins vom Salvatorplatz, den ich als Multiple in einer Ausstellung gezeigt hatte, in der Galerie der Künstler. Gegen Mittag nach Freising, Wohnungsauflösung von Wilfried Stroh, meinem ehemaligen Lateinprofessor.
Zunächst den Domberg hinauf; beim Blick auf das Pflaster muss ich an die bemängelte Pflasterung am Salvatorplatz denken, das Denkmal lässt mich noch nicht los.
Der Dom. Die fantastische Konstruktion mit dem tieferliegenden Mittelraum, in den man nach der Eingangshalle hinuntersteigt. Drüben, am anderen Ende, wieder eine Treppe, die hinauf in den Chor führt. Darunter wieder eine Treppe, hinunter in die Krypta. Im Kreuzgang. Die Kälte kriecht von allen Seiten heran. Besser nicht zu lange stehenbleiben. Einige Frottagen, von Buchstaben „A“.
Zur Wohnung von Stroh, wo ich vor ca. 30 Jahren geholfen habe, Regale aufzubauen und Bücher einzuräumen, als ich Hilfskraft bei ihm war. Jetzt wird ausgeräumt; ein Besen ist in unten in die Tür geklemmt, um Interessenten den Zugang zu ermöglichen. Es sind doch viele da, die Bücher durchforsten, mitnehmen, in Taschen, Kartons, Rollkoffern, Rucksäcken. Insofern eine schöne Art der Anteilnahme und des Interesses. Einige kenne ich auch noch, „von früher.“ Aber gleichzeitig weiß ich, dass diese Phase doch schon lang vorbei ist; ein Flashback in ein vergangenes Leben.
Im ehemaligen Wohnzimmer ein Berg von leeren Aktenordnern; sein Nachlass ist an das Staatsarchiv gegangen. Insgesamt etwas traurige Veranstaltung – aber wieder die Erkenntnis: eine Bibliothek hat ihren Sinn zu Lebzeiten des Sammlers. Er hinterlässt aber Spuren, die für die Nachwelt spannend sein können: Namenseinträge, Unterstreichungen, Zeitungsartikel …
Die Bücher sind zum Teil diesselben, die mein Vater auch hat(te): Viel zu Musik; Literaturwissenschaft ist hier mit breiten Interessen verbunden, mit Philosophie, Psychologie.
Nehme einiges mit: Karteikarten mit Vokabeln, eine rororo-Monographie zu Lessing, Ferdinand de Saussures „Grundlagen der Allgemeinen Sprachwissenschaft“, Texte auf Französisch (Flaubert, „La Tentation de saint Antoine“, Huysmans, „La-bas“, André Gide, Les Caves du Vatican…), Strohs Geschichte der Rhetorik. Klingers „Römische Geisteswelt“. Darin materiell interessant ein offensichtlich als Einmerker eingelegtes zerknülltes Tempo-Taschentuch. Ein Vokabelheft, das mich an mein Englisch-Wörterheft erinnert, das ich abfotografiert und als Künstlerheft veröffentlicht hatte.
Schwer beladen ziehen wir von dannen.
12.1., Montag
Sehe wieder den schönen Druck des Fotos von Laura Pilar Delgado, mit den zwei Blüten, die zusammenhängen und siamesischen Zwillingen ähneln. Ich hatte sie beim einBuch.haus gekauft, im Rahmen der Aktion, bei der Künstler Drucke zum Verkauf einreichen, um dem einBuch.haus zu helfen, das von einem Wasserschaden betroffen ist. Poste sie.
Fahrt nach Berlin. Unterwegs in Austers 4321. Entdecke jetzt, dass bei manchen Kapiteln (z.B. 4.2., 5.2.,) nur die Nummern stehen, als systematische Kategorie. Doch ist die Seite sonst leer: Der Protagonist ist in dieser Variante bereits tot, in 2.2. von einem herabstürzenden Ast erschlagen. Freue mich über diese (späte) Entdeckung. Hatte es bisher einfach überblättert. Eindrücklich auch der Parisaufenthalt, mit den homosexuellen Avancen. Erinnert mich an die Fahrt nach Griechenland oder besser, die Rückfahrt von Griechenland, als ich trampend von einem Herren (König hieß er, glaube ich) mitgenommen und dann ins Hotel eingeladen wurde.
Komme gegen Mitternacht an. Matteo noch auf, er liest Gedichte von Kavafis, griechisch-italienisch, testo a fronte. Eine Hinterlassenschaft des Vormieters, Marco. Hinter den Leuten steckt doch mehr, als man vermutet. Ihre Sachen, ihre Bücher sprechen eine eigene Sprache. Nehme die deutsche Fassung von 4321 aus dem Regal und erzähle, dass ich das Buch gerade lese.
13.1., Dienstag
Wache gegen 7 Uhr auf; Undeutliches Bild einer Maschine vor Augen, eines Bauteils aus Metall mit senkrechten Streben, wie eine Heizung, mit glatter messingartiger Verkleidung. Es steht an einer Treppe; hat einige Kratzspuren, ist schon etwas älter. Auf einmal sagt eine Stimme, das sei ich — was mich erschreckt, ich wache auf. Vielleicht von den Auster-Geschichten beeinflusst?
Sitze in der Bruno-Lösche-Bibliothek. Abeilung Romane-Fantasy/Comics. Das Mann-Denkmal holt mich aber ein: Habe mir die Publikation zu einer Ausstellung in der U‑Bahn-Galerie München mitgenommen, die Klaus Bäumler vom Bezirksausschuss München Maxvorstadt geschickt hat. Setzte Antwort an ihn auf. Die Korrekturen der Lektorin vom Kerber-Verlag sind zurück.
14.1., Mittwoch
Schwarzer Tag heute.
Gleich zwei Zeitungen veröffentlichen Artikel, in denen das Fehlen von Heinrich Mann beim Denkmal bemängelt wird, die Abendzeitung und die FAZ. Sollte mich nicht ärgern, tut es aber doch.
Daneben ist das Ausräumen der Galerie Nord ziemlich unangenehm. Wieder so eine Haushaltsauflösung, ein Umzug. Erinnert mich sehr an die Situation letzen Sonntag, in Freising bei Wilfried Stroh. Sortiere überzählige Exemplare von Büchern, schaue, was noch Brauchbares da ist, was ich vielleicht selbst mitnehmen will und kann.
Mache eine schnelle Installation mit RE:VISION, den Katalogen zum 20-jährigen Jubiläum, die sich in Schachteln türmen. Es handelt sich um benutze Exemplare, die entsorgt werden sollen, etwa 50 Stück. Lege sie in einem Rechteck am Boden aus. Staple die leeren Schachteln übereinander. Versuche verschiedene Konstellationen. Gewisse Hilflosigkeit. Es muss alles recht schnell gehen, und es ist keine Atelier- oder Ausstellungssituation
Helfe dann mit, die Exemplare in den Papiercontainer zu tragen. Später werde ich nochmal vorbeikommen, wieder welche herausfischen. Ich ertrage das einfach nicht.
