Gegen fünf Uhr auf. Um sechs läutet der Wecker.
Trotz der Nacht Enthusiasmus über den anbrechenden Morgen.
Fahrt nach Venedig. Fahrt über den Brenner. Pension Seguso – angeblich hat John Ruskin hier gewohnt. Nähe Accademia und Vaporetto Zattere. Noch ganz im Stile d’Epoca. Doppeltüren, mit Butzenscheiben. Das Schlüsselbrett allein ist toll, eine Architektur für sich, mit den Fächern der Zimmer, in denen die Schlüssel hängen, an ihnen große ovale, an Fische erinnernde Anhänger, die gegen die Schlüssel schlagen und leise, glockenartig klirren, wenn man sie in die Hand nimmt.

Das Zimmer mit zwei Fenstern zum Kanal. Man hört nachts Boote aneinanderstoßen, Wellen, Schaukeln. Das hat etwas Beruhigendes.
Die Möbel historisch-venezianisch: ein riesiger Spiegelschrank mit einem muschelartigen Rahmen-Aufbau, der nach oben hin spitz zuläuft; anscheinend für das Zimmer gemacht, da die Spitze genau unter die Decke passt. Auch eine Architektur.
Überhaupt Spiegel überall: gegenüber dem Schrank, an der anderen Wand, ein weiterer, geschwungen, mit einem durchbrochenem barocken Gekröse, mit Spitzen und Voluten nach allen Seiten. Und an Längswand des Zimmers, zwischen den Fenstern, ein Tisch mit noch einem Spiegel. Zwischen diesen Spiegeln geht es hin und her. Das Bedürfnis, den Raum zu weiten, Dunkelheit und Enge zu vertreiben, das Licht hereinzuholen. Und Aufweis von Luxus. Venedig als Stadt der Spiegel. Das Wasser der Kanäle ebenfalls spiegelnd. Aber das hat Joseph Brodski wahrscheinlich auch schon notiert … Nicht schlimm, man kann Beobachtungen, Entdeckungen subjektiv neu machen, auch wenn sie objektiv gesehen so neu nicht sind.

In der Gesuati-Kirche, nebenan. Das gemetisch-optische Muster der eingelegten Steine im Boden. Erinnere mich, dass ich hier zu Corona-Zeiten Fotos gemacht hatte, von den Aufklebern auf den Sitzen, dass man sich dort hinzusetzen habe, dann im Heft „Sacred Distancing“ veröffentlicht.
Fresken von Tiepolo an der Decke; metallisch-graublau. Ganz eigen.
Libreria Bruno in der Nähe. Ein toller Laden für Kunstbücher, wo gleich zwei Publikationen ausgelegt sind, an denen ich beteiligt bin: Der große Band über die Library of Artistic Print on Demand, und der kleine dicke über die Aktivitäten von A‑Z in Berlin, wo ich 2021 die Ausstellung „Books to Do“ hatte. Freut mich, beides hier in Venedig wiederzusehen.

Kaufe ein Leporello-Buch von Pierfrancesco Celada: Counting Ships; Aufnahmen durch ein Fährenfenster in Hongkong. Erinnert mich an eigene Bilder, durch Fenster der Fähre New York ‑ Staten Island. Hier sehr konsequent verfolgt – und auf der Rückseite sind die Ausschnitte von Containerschiffen zu einem einzigen langen zusammengesetzt. Und ein Buch über Bücher „Against Coffe Table Books“ von Davide Tolfo.

Schlenker zu Madonna del Carmine. Dunkel. Schön. Gotischer Chor, nördl. Seitenaltar mit Gemälde von Cima da Conigliano.
