Endlich mache ich das, was ich schon länger vorhatte: einige Tage per pedes frei durch die Gegend streifen, durch ein großes Waldgebiet, am liebsten Laubwald, draußen schlafen. Das hatte ich mir schon seit dem Ende des Familie-Mann-Projekts gewünscht.
Und recherchiert, welches die größten Wälder sind, in Deutschland; der Hainich, im Windschatten der ehemaligen Grenze gelegen, in Thüringen. Hatte noch nie von diesem Waldgebiet gehört – dabei gilt er als das größte zusammenhängende Deutschlands, besteht noch dazu überwiegend aus Buchen, meinem Lieblingsbaum. Und da fahre ich schließlich hin.
Früher Aufbruch, schon gegen 7, mit dem Zug nach Erfurt. Dann näher an den Wald heran, nach Gotha – das mich überrascht: Die Residenzstadt ist bedeutender als gedacht, es gäbe viel zu sehen. Habe jedoch nur eine halbe Stunde Aufenthalt, was aber reicht, um vom Bahnhof mit der Straßenbahn (die einen historischen Eindruck macht, noch aus DDR-Zeiten zu stammen scheint) Richtung Innenstadt zu fahren, bis zur Orangerie, mit dem beeindruckendem Blick durch das Tor auf barocke Gärten und Anlagen.
Mit dem Bus, dessen einziger Passagier ich bin, Richtung Behringen, den Ort, der dem Hainich am nächsten liegt. Sehe im Vorbeifahren schon einen Wegweiser, lasse mich aber durch den Busfahrer überzeugen, noch eine Station in das nächste Dorf mitzufahren, von dort aus sei es bequemer in den Wald. Doch als er von Kaffee und Kuchen in einem nahegelegenem Cafe spricht, weiß ich, dass das nicht ganz das ist, was ich will. Laufe also wieder zurück, an Feldrainen entlang, über Wiesen, auf eine Fabrik mit hohen Silotürmen zu – vor der Schafe weiden, ein netter Kontrast. Obstbäume mit Zwetschgen, als ich mich wieder Behringen nähere. Das Obst wegen der Hitze schon reif – obwohl wir noch gar nicht September haben. Eigentlich eine gute Zeit, um unterwegs zu sein.
Behringen ist interessanter als gedacht, es gibt eine alte Kirche, die man schon von Ferne sieht, ein Schloss (heute Hotel) – und einen Skulpturenpark, mit verwunschenem Teich und alten Bäumen. Zufällig hat gerade heute Nachmittag die Bibliothek im Heimatmuseum geöffnet, wie ich sehe. Gehe an Heugabeln und Blechgeschirr in Vitrinen nach oben. Eine nette Bibliothekarin führt mich zum Regal mit Literatur zur Umgebung: Sagen und Märchen aus Thüringen, ein Sammelband zum Hainich … Brauchbares Kartenmaterial ist nicht dabei; dafür bekomme ich ein Glas Wasser auf den großen Tisch in der Diele vor der Bibliothek serviert. Sorgfältig schlägt sie die weiße Spitzentischdecke zurück, bevor sie das Glas auf den Tisch setzt. Diese Sorgfalt, diese Liebe zum Detail, sie kommt mir typisch ostdeutsch vor.
Entlang an Fachwerkhäusern, die teils unverputzt sind, wo man die Konstruktion aus Ästen und Lehm offen sehen kann. Endlich hinauf zum Wald. Stechende Sonne. Letzte Apfel- und Zwetschgenbäume, von denen ich mich verproviantiere. Und dann – hinein. Tatsächlich ist der Unterschied zwischen drinnen und draußen nicht schrittweise, sondern abrupt, schlagartig. Grün, Kühle. Lichtspiele.
Zunächst noch im Bereich, in dem offensichtlich Forstwirtschaft betrieben wird, was an den teils brutal durch den Bestand gefrästen Schneisen deutlich wird, die in regelmäßigen Abständen links und rechts vom Hauptweg abgehen.
Stoße auf ein gelbes Zeichen an Bäumen, ein Posthorn – vielleicht eine Wegmarkierung? Ansonsten ist vom „Rennstieg“ (im Unterschied zum „Rennsteig“ im Thüringer Wald), dem Weg, dem ich gern folgen würde, noch nicht viel zu sehen. Stoße dann auf eine Waldstraße, breit, gekiest, folge ihr, und komme dann tatsächlich auf den mit einem roten „H“ gekennzeichneten Weg, bald auch an eine Schutzhütte, nach vorne offen, mit Holzbänken.
Und mit einem Zettel „Axt bitte nicht mitnehmen, ist für die Allgemeinheit gedacht“ — worauf ich tatsächlich hinter einem Pfosten eine aufgehängte Axt zum Holzmachen entdecke. Sehr fürsorglich. Das könnte ich mir in Berlin in der Schorfheide oder in Bayern kaum vorstellen. Mache Frottagen von den hieroglyphenähnlichen Fraßgängen in den Rundhölzern der Bänke.
Auf Schildern wird bald darauf vor dem Betreten eines ehemaligen Militärgebiets gewarnt, vor Blindgängern. Das müssen sowjetische Truppenübungsplätze gewesen sein. Stoße dann auf sie, als ich vom Weg abbiege, als er aus dem Wald herausführt, ich Stimmen höre, ein Besucherpark scheint in der Nähe. Man erkennt, dass hier abgeholzt wurde, die Bäume sind niedrig, jünger, vielleicht die drei Jahrzehnte seit der Wende alt. Lichtungen mit Gras, Ranken. Stoße auf einen Durchblick zur Wartburg, mit Hinweistafel, wo auch die Geschichte der Übungsplätze erzählt wird. Verrostete Teile von Fahrzeugen; ausgeschachtete, eingewachsene Gräben … Es ist später Nachmittag geworden, die Sonne senkt sich.
Finde nicht mehr auf den offiziellen Weg zurück – was aber nichts macht. Genieße es, durch den Hochwald zu streifen, der wieder da ist. Beeindruckende gestürzte Bäume. Gehe Abhänge hinauf und hinunter, Richtung Nordwest. Komme in ein Tal; finde dort wieder „menschliche“ Spuren: einen seltsamen Apparat, ein kleiner Kasten auf einer Stange, mit zwei Öffnungen. Linsen? Er dient zur Photographie von Wild, wie ein Schild aufklärt. Trotz der Wildheit ist die Gegend also nicht menschenleer. In der Tat, sehe von fern zwei Radler, wie sie auf einem Waldweg daherkommen. Es sei sehr warm, sie brauche hernach eine Dusche, höre ich.
Schnell weiter, den Hang hinauf. Übernachtung am Kamm, wo etwas Wind geht, wegen der Mücken, zwischen Bäumen, weit entfernt genug vom Weg. Drüben ein abgeknickter Baum, der in den Armen eines andern ruht. Sehe mir noch weiter unten, in einer Senke, weitere Stellen an, etwa neben dem Wurzelteller einer umgestürzten Buche. Da wäre eine Feuerstelle ganz sicher, in der aufgeworfenen Erde. Doch scheint das Laub feuchter hier, es zieht mich doch eher hinauf.
Scharre trockenes Laub als Unterlage zusammen, Klaube Holz, räume den Boden frei, mache Feuer. Röste die in Gotha gekauften Käsebrötchen. Spanne später den Poncho auf, flach über dem Schlafsack, als ein paar Tropfen fallen,
Rauschen und Sausen die ganze Nacht.
