Jour­nal, 29.8.26, Erfurt-Gotha-Hainichwald

End­lich mache ich das, was ich schon län­ger vor­hat­te: eini­ge Tage per pedes frei durch die Gegend strei­fen, durch ein gro­ßes Wald­ge­biet, am liebs­ten Laub­wald, drau­ßen schla­fen. Das hat­te ich mir schon seit dem Ende des Fami­lie-Mann-Pro­jekts gewünscht. 

Und recher­chiert, wel­ches die größ­ten Wäl­der sind, in Deutsch­land; der Hai­nich, im Wind­schat­ten der ehe­ma­li­gen Gren­ze gele­gen, in Thü­rin­gen. Hat­te noch nie von die­sem Wald­ge­biet gehört – dabei gilt er als das größ­te zusam­men­hän­gen­de Deutsch­lands, besteht noch dazu über­wie­gend aus Buchen, mei­nem Lieb­lings­baum. Und da fah­re ich schließ­lich hin. 

Frü­her Auf­bruch, schon gegen 7, mit dem Zug nach Erfurt. Dann näher an den Wald her­an, nach Gotha – das mich über­rascht: Die Resi­denz­stadt ist bedeu­ten­der als gedacht, es gäbe viel zu sehen. Habe jedoch nur eine hal­be Stun­de Auf­ent­halt, was aber reicht, um vom Bahn­hof mit der Stra­ßen­bahn (die einen his­to­ri­schen Ein­druck macht, noch aus DDR-Zei­ten zu stam­men scheint) Rich­tung Innen­stadt zu fah­ren, bis zur Oran­ge­rie, mit dem beein­dru­cken­dem Blick durch das Tor auf baro­cke Gär­ten und Anlagen.

Mit dem Bus, des­sen ein­zi­ger Pas­sa­gier ich bin, Rich­tung Beh­rin­gen, den Ort, der dem Hai­nich am nächs­ten liegt. Sehe im Vor­bei­fah­ren schon einen Weg­wei­ser, las­se mich aber durch den Bus­fah­rer über­zeu­gen, noch eine Sta­ti­on in das nächs­te Dorf mit­zu­fah­ren, von dort aus sei es beque­mer in den Wald. Doch als er von Kaf­fee und Kuchen in einem nahe­ge­le­ge­nem Cafe spricht, weiß ich, dass das nicht ganz das ist, was ich will. Lau­fe also wie­der zurück, an Feld­rai­nen ent­lang, über Wie­sen, auf eine Fabrik mit hohen Silo­tür­men zu – vor der Scha­fe wei­den, ein net­ter Kon­trast. Obst­bäu­me mit Zwetsch­gen, als ich mich wie­der Beh­rin­gen nähe­re. Das Obst wegen der Hit­ze schon reif – obwohl wir noch gar nicht Sep­tem­ber haben. Eigent­lich eine gute Zeit, um unter­wegs zu sein.

Beh­rin­gen ist inter­es­san­ter als gedacht, es gibt eine alte Kir­che, die man schon von Fer­ne sieht, ein Schloss (heu­te Hotel) – und einen Skulp­tu­ren­park, mit ver­wun­sche­nem Teich und alten Bäu­men. Zufäl­lig hat gera­de heu­te Nach­mit­tag die Biblio­thek im Hei­mat­mu­se­um geöff­net, wie ich sehe. Gehe an Heu­ga­beln und Blech­ge­schirr in Vitri­nen nach oben. Eine net­te Biblio­the­ka­rin führt mich zum Regal mit Lite­ra­tur zur Umge­bung: Sagen und Mär­chen aus Thü­rin­gen, ein Sam­mel­band zum Hai­nich … Brauch­ba­res Kar­ten­ma­te­ri­al ist nicht dabei; dafür bekom­me ich ein Glas Was­ser auf den gro­ßen Tisch in der Die­le vor der Biblio­thek ser­viert. Sorg­fäl­tig schlägt sie die wei­ße Spit­zen­tisch­de­cke zurück, bevor sie das Glas auf den Tisch setzt. Die­se Sorg­falt, die­se Lie­be zum Detail, sie kommt mir typisch ost­deutsch vor.

Ent­lang an Fach­werk­häu­sern, die teils unver­putzt sind, wo man die Kon­struk­ti­on aus Ästen und Lehm offen sehen kann. End­lich hin­auf zum Wald. Ste­chen­de Son­ne. Letz­te Apfel- und Zwetsch­ge­n­bäu­me, von denen ich mich ver­pro­vi­an­tie­re. Und dann – hin­ein. Tat­säch­lich ist der Unter­schied zwi­schen drin­nen und drau­ßen nicht schritt­wei­se, son­dern abrupt, schlag­ar­tig. Grün, Küh­le. Lichtspiele.

Zunächst noch im Bereich, in dem offen­sicht­lich Forst­wirt­schaft betrie­ben wird, was an den teils bru­tal durch den Bestand gefräs­ten Schnei­sen deut­lich wird, die in regel­mä­ßi­gen Abstän­den links und rechts vom Haupt­weg abgehen.

Sto­ße auf ein gel­bes Zei­chen an Bäu­men, ein Post­horn – viel­leicht eine Weg­mar­kie­rung? Ansons­ten ist vom „Rennstieg“ (im Unter­schied zum „Renn­steig“ im Thü­rin­ger Wald), dem Weg, dem ich gern fol­gen wür­de, noch nicht viel zu sehen. Sto­ße dann auf eine Wald­stra­ße, breit, gekiest, fol­ge ihr, und kom­me dann tat­säch­lich auf den mit einem roten „H“ gekenn­zeich­ne­ten Weg, bald auch an eine Schutz­hüt­te, nach vor­ne offen, mit Holzbänken.

Und mit einem Zet­tel „Axt bit­te nicht mit­neh­men, ist für die All­ge­mein­heit gedacht“ — wor­auf ich tat­säch­lich hin­ter einem Pfos­ten eine auf­ge­häng­te Axt zum Holz­ma­chen ent­de­cke. Sehr für­sorg­lich. Das könn­te ich mir in Ber­lin in der Schorf­hei­de oder in Bay­ern kaum vor­stel­len. Mache Frot­ta­gen von den hie­ro­gly­phen­ähn­li­chen Fraß­gän­gen in den Rund­höl­zern der Bän­ke.
Auf Schil­dern wird bald dar­auf vor dem Betre­ten eines ehe­ma­li­gen Mili­tär­ge­biets gewarnt, vor Blind­gän­gern. Das müs­sen sowje­ti­sche Trup­pen­übungs­plät­ze gewe­sen sein. Sto­ße dann auf sie, als ich vom Weg abbie­ge, als er aus dem Wald her­aus­führt, ich Stim­men höre, ein Besu­cher­park scheint in der Nähe. Man erkennt, dass hier abge­holzt wur­de, die Bäu­me sind nied­rig, jün­ger, viel­leicht die drei Jahr­zehn­te seit der Wen­de alt. Lich­tun­gen mit Gras, Ran­ken. Sto­ße auf einen Durch­blick zur Wart­burg, mit Hin­weis­ta­fel, wo auch die Geschich­te der Übungs­plät­ze erzählt wird. Ver­ros­te­te Tei­le von Fahr­zeu­gen; aus­ge­schach­te­te, ein­ge­wach­se­ne Grä­ben … Es ist spä­ter Nach­mit­tag gewor­den, die Son­ne senkt sich.

Fin­de nicht mehr auf den offi­zi­el­len Weg zurück – was aber nichts macht. Genie­ße es, durch den Hoch­wald zu strei­fen, der wie­der da ist. Beein­dru­cken­de gestürz­te Bäu­me. Gehe Abhän­ge hin­auf und hin­un­ter, Rich­tung Nord­west. Kom­me in ein Tal; fin­de dort wie­der „mensch­li­che“ Spu­ren: einen selt­sa­men Appa­rat, ein klei­ner Kas­ten auf einer Stan­ge, mit zwei Öff­nun­gen. Lin­sen? Er dient zur Pho­to­gra­phie von Wild, wie ein Schild auf­klärt. Trotz der Wild­heit ist die Gegend also nicht men­schen­leer. In der Tat, sehe von fern zwei Rad­ler, wie sie auf einem Wald­weg daher­kom­men. Es sei sehr warm, sie brau­che her­nach eine Dusche, höre ich.
Schnell wei­ter, den Hang hin­auf. Über­nach­tung am Kamm, wo etwas Wind geht, wegen der Mücken, zwi­schen Bäu­men, weit ent­fernt genug vom Weg. Drü­ben ein abge­knick­ter Baum, der in den Armen eines andern ruht. Sehe mir noch wei­ter unten, in einer Sen­ke, wei­te­re Stel­len an, etwa neben dem Wur­zeltel­ler einer umge­stürz­ten Buche. Da wäre eine Feu­er­stel­le ganz sicher, in der auf­ge­wor­fe­nen Erde. Doch scheint das Laub feuch­ter hier, es zieht mich doch eher hinauf.

Schar­re tro­cke­nes Laub als Unter­la­ge zusam­men, Klau­be Holz, räu­me den Boden frei, mache Feu­er. Rös­te die in Gotha gekauf­ten Käse­bröt­chen. Span­ne spä­ter den Pon­cho auf, flach über dem Schlaf­sack, als ein paar Trop­fen fallen,

Rau­schen und Sau­sen die gan­ze Nacht.

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