Gar­ten, Bil­der, Zug

Eine Aus­stel­lung in Ber­lin leben­der Künst­ler in Zug. Wobei vie­le der„Berliner“ aus der Schweiz, aus Zug selbst stam­men. Und ande­re von woan­ders­her, z.B. wie ich aus Süd­deutsch­land. Also eine Aus­stel­lung, wo ver­schie­de­ne Iden­ti­tä­ten schon von den Teil­neh­mern mit­ge­bracht wer­den, der Orts­be­zug aber eine Rol­le spielt. In einer Stadt, die Rei­se­tä­tig­keit bereits in ihrem Namen beinhal­tet. Was läge näher, als mit dem ent­spre­chen­den Ver­kehrs­mit­tel anzu­rei­sen? Das Spiel mit Iden­ti­tä­ten und Namen gab dann auch den Aus­schlag für die Wahl des Bild­ma­te­ri­als, zusam­men mit dem Aus­stel­lungs­ti­tel „Secret Gar­den“ und dem Ort, einem Gar­ten­haus und –grund­stück, am Ran­de von Zug.

Es erschien nahe­lie­gend, mit Bil­dern aus einem 1985 eben in Ber­lin (Ost) erschie­nen Wör­ter­buch der Gebär­den­spra­che Gehör­lo­ser zu arbei­ten. Dar­stel­lung von Län­der­iden­ti­tä­ten hat­te ich 2016 in Ber­lin-Moa­bit im öffent­li­chen Raum und in der Gale­rie Soy Capi­tán gezeigt.

Secret Gar­den bot Gele­gen­heit, das Bild­ma­te­ri­al neu zu durch­fors­ten, Zusam­men­hän­ge her­zu­stel­len, die zunächst kryp­ti­schen, repro­du­zier­ten Bil­der der Gebär­den­spra­che mit der Gegen­wart des Gar­tens und der Stadt zu kon­fron­tie­ren, sie in ihrer Anord­nung nach dem ABC, die der Sys­te­ma­tik des Wör­ter­bu­ches folgt, als eine Art zei­chen­haf­te Weg­stre­cke hin zum „rea­len“ Gar­ten am Lüs­si­weg zu plat­zie­ren.

Das Bild­ma­te­ri­al schien auch geeig­net, da ein impli­zi­tes The­ma der Aus­stel­lung ja die Über­win­dung von Grenzen/Barrieren ist: Ber­lin und Zug lie­gen zwar im deut­schen Sprach­raum, aber weit ent­fernt in unter­schied­li­chen Län­dern, sind auch hin­sicht­lich Grö­ße, Geschich­te, sozia­ler und öko­no­mi­scher Struk­tur, Bevöl­ke­rung, Spra­che sehr ver­schie­den. Gene­rell wird von Kunst und Bil­dern ja ger­ne erwar­tet, dass sie Gren­zen über­win­den. Da schien es inter­es­sant, eine Bil­der­spra­che zu wäh­len, die einer­seits genau die Über­win­dung von (sprach­li­chen) Gren­zen ver­heißt und ermög­licht, ande­rer­seits aber auch Gren­zen von Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­zeigt und damit die Erwar­tung ein Stück weit unter­läuft, durch­aus im Sinn des nicht Ein­deu­ti­gen, all­ge­mein Ver­ständ­li­chen, son­dern des Abge­grenzt-Par­ti­ku­la­ren, das ja in „Secret“ (abge­schie­den, geheim­nis­voll) steckt. Denn die Gebär­den­spra­che stellt man sich, da es sich ja um eine visu­el­le Spra­che han­delt, als genu­in inter­na­tio­nal und über­all ver­ständ­lich vor, als eine Art Espe­ran­to, so, wie man sich eben in einem frem­den Land, „mit Hän­den und Füßen“ ver­stän­digt. Aber wenn es auch eine inter­na­tio­na­le Gebär­den­spra­che gibt und Ange­hö­ri­ge ver­schie­de­ner Natio­nen sich rela­tiv schnell ver­stän­di­gen kön­nen, so ist die­ser Code doch natio­nal und regio­nal sehr aus­dif­fe­ren­ziert: Es gibt wie bei gespro­che­nen Spra­chen Dia­lek­te, so etwa eine nord- und eine süd­deut­sche Vari­an­te, und auch kom­mu­na­le Aus­prä­gun­gen. Dass ein Ber­li­ner und ein Zuger sich pro­blem­los ver­stän­di­gen könn­ten, ist also unwahr­schein­lich. Auch ver­än­dert sich die Spra­che lau­fend, je nach sozia­ler Über­ein­kunft, wie man etwa am Bei­spiel ‚Frau’ sehen kann: Da gibt es die Vari­an­te mit Andeu­tung eines Busens, die von den meis­ten Spre­chern als zu offen­sicht­lich auf kör­per­li­che Geschlechts­merk­ma­le bezo­gen nicht mehr ver­wen­det wird, dann das Grei­fen zum Ohr­läpp­chen, um Weib­lich­keit durch Tra­gen von Ohr­rin­gen aus­zu­drü­cken, wor­in sich natür­lich auch Ste­reo­ty­pe ver­ber­gen, schließ­lich eine noch neu­tra­le­re Gebär­de, ein Wischen mit dem Dau­men über die Wan­ge, die bei Spre­chern in Süd­deutsch­land die meist­ge­bräuch­li­che scheint.

Das Bild­ma­te­ri­al des über 30 Jah­re alten Lehr­buchs aus Ost­ber­lin gefiel mir gera­de wegen sei­nes Kon­tras­tes zur Bild­spra­che der Gegen­wart und sei­ner iko­ni­schen Qua­li­tä­ten: Die Dar­stel­ler schei­nen durch die Wie­der­ga­be in kör­ni­gem, oft kon­trast­rei­chen Schwarz-Weiß, nach Klei­dung und Fri­sur tat­säch­lich aus einer ganz ande­ren, weit zurück­lie­gen­den Zeit zu stam­men, ent­fal­ten aber erstaun­li­che Prä­senz in den knap­pen, häu­fig sym­me­tri­schen Bild­aus­schnit­ten, mit ihren Bli­cken und kon­zen­triert-zei­chen­haf­ten Gebär­den, nicht zuletzt durch die Ein­fü­gung von Bewe­gungs­pfei­len, die sie in die Nähe von Pik­to­gram­men und Ver­kehrs­zei­chen rücken.

Inter­es­sant ist dabei, wie Begrif­fe aus der Bota­nik visua­li­siert wer­den: Manch­mal ist es die Andeu­tung der Form und Grö­ße, häu­fig jedoch eine Hand­lung, die mit und an der Pflan­ze voll­zo­gen wird, etwa durch den Akt des Essens, die Kir­sche durch den des Ans-Ohr-Hän­gens, als Schmuck.

Die Gebär­den sind prä­gnant, doch beim Blät­tern im Buch fie­len eini­ge ähn­li­che oder gar iden­ti­sche Gebär­den auf, die jen­seits des Gar­ten­the­mas in ganz ande­re Berei­che führ­ten. Ähn­lich wie in einem Pro­jekt mit bota­ni­schen Buch­ti­teln bzw. Autor­na­men (Biblio­te­ca Bota­ni­ca, 2006, mit Namen wie Klee, Kie­fer, Green) trat dann die Suche nach sol­chen dis­pa­ra­ten, jedoch durch Ana­lo­gien ver­bun­de­nen bzw. ver­bind­ba­ren Begrif­fen in den Vor­der­grund.

Albert Coers:

‚Bee­re’ und ‚Mal­ta’ sind bei­des klei­ne Enti­tä­ten; ‚Kohl’ und ‚Welt’ run­de Kör­per, die durch eine Kreis­be­we­gung dar­ge­stellt wer­den, die Schmuck andeu­ten­de Gebär­de von ‚Kir­sche‘ hat Ver­wandt­schaft mit dem Zei­chen für ‚Frau‘; pflan­zen­haft, von Innen her­aus ent­fal­tet sich ‚Kunst‘. Vor allem wenn ein zusätz­li­cher Kanal, hier die Bewe­gung der Lip­pen, fehlt, ist der Kon­text, in dem ein Bild/Zeichen ver­wen­det wird, für sei­ne Bedeu­tung und Les­bar­keit aus­schlag­ge­bend.

Die­se Dop­pel- oder bes­ser Mehr­deu­tig­keit der Zei­chen ist dabei kein Merk­mal der Gebär­den­spra­che: Im Hebräi­schen exis­tie­ren, wenn auf Vokal­zei­chen ver­zich­tet wird, eine Fül­le glei­cher Wort­bil­der, da nur Kon­so­nan­ten geschrie­ben wer­den, im Chi­ne­si­schen erge­ben die­sel­ben Sil­ben­fol­gen, mit unter­schied­li­cher Ton­hö­he und Beto­nung gele­sen, ganz ande­re Bedeu­tun­gen. Genau­so gibt es im Deut­schen Wör­ter glei­cher Schrei­bung, aber unter­schied­li­cher Pho­ne­tik und damit Bedeu­tung (‚sie ras­ten’ – sie ras­ten’), aber auch Wör­ter, die bei glei­cher Aus­spra­che ein gan­zes Bün­del von Bedeu­tun­gen mit sich brin­gen. Ein klas­si­sches Bei­spiel ist der Name der Stadt selbst, in der das Pro­jekt statt­fin­det, Zug (der sich ja auch auf den Kan­ton bezie­hen lässt). Immer­hin 16 ver­schie­de­ne Bedeu­tun­gen zählt das Duden-Wör­ter­buch auf. Bei sol­chen Begrif­fen (erin­nert man sich an das Spiel „Tee­kes­sel“?) wie ‚Zug‘ oder „Hahn“, ist die Poly­se­mie oft auf bild­haft-meta­pho­ri­sche Sprech­wei­se zurück­zu­füh­ren: bei ‚Zug‘ ist das gemein­sa­me Moment das der Bewe­gung, des Zie­hens (auch der Fisch­zug, von dem die Stadt ihren Namen hat), und der (Wasser)hahn steht mit dem gleich­na­mi­gen Tier in formas­so­zia­ti­ver Bezie­hung und wur­de des­halb nach ihm bezeich­net. Übri­gens: Im Lehr­buch der Gebär­den­spra­che fin­det sich kein Bild­zei­chen für ‚Zug’. Wahr­schein­lich, weil das Wort so mehr­deu­tig ist.