Jour­nal 16.10.26, Old Mas­ters on the Move, Film

Ein Frei­tag, der sich wie ein Sams­tag anfühlt. Habe den Rhyth­mus von Schla­fen und Wachen noch nicht wie­der ganz von Usbe­ki­stan an Mit­tel­eu­ro­pa ange­passt, noch immer etwas des­ori­en­tiert.
In der Alten Pina­ko­thek Mün­chen. Wie­der­se­hen mit eini­gen alten Bekann­ten, auch wenn sie umge­zo­gen, neu gehängt sind („Old Mas­ters on the Move“).

Erstaun­lich, wie eng im Gedächt­nis ein Bild mit einem Raum ver­knüpft ist. Dürers Selbst­por­trät hat­te ich immer neben dem Durch­gang in die ande­ren Säle in Erin­ne­rung, Alt­dor­fers „Alex­an­der­schlacht“ auf einer schma­le­ren Wand, sei­ne tol­le Archi­tek­tur­phan­ta­sie mit dem Turm-Palast (Susan­na im Bade?) in einem Raum wei­ter hin­ten; jetzt hängt sie neben sei­nem Schlach­ten­ge­mäl­de …
Anschei­nend ist das Kon­zept der jet­zi­gen Hän­gung, die High­lights für die Besu­cher auf engem Raum zu ver­sam­meln, so dass an die schnell erfasst hat: Dürers Selbst­por­trät von 1500 an einer Wand, an der ande­ren die “Alex­an­der­schlacht”. Dürers Apos­tel hän­gen ein­ge­fasst von weni­ger bedeu­ten­den Gemäl­den, ins­ge­samt recht enge Hän­gung.
Die lieb­ge­won­ne­nen Seh­ge­wohn­hei­ten sind doch stär­ker als gedacht, und den Kura­to­ren ist das viel­leicht gar nicht so bewusst. Dabei ist nicht gesagt, dass man Bil­der nicht ein­mal anders hän­gen könn­te. Die Kom­bi­na­ti­on etwa von Dürers Selbst­por­trät mit dem Por­träts eines jun­gen Fürs­ten mit dem direk­ten, inten­si­ven Blick (Hans Bal­dung Grien) gefällt mir gut. 

Gemein­sam Bil­der anschau­en: E. weist mich auf die Abend­wol­ken hin, die in der Berg­land­schaft hin­ter dem Hl. Chris­to­phe­rus ähn­lich aus­se­hen wie die in Grundl­see, bei Blick nach Wes­ten.
Die Gestalt eines Sol­da­ten bei einer Auf­er­ste­hung von Dierk Bouts: Mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen, die Hän­de als Schutz vor das Gesicht gehal­ten, starrt er nach oben. Dabei geht sein Blick eigen­tüm­lich ins Lee­re, am Auf­er­stan­de­nen vor­bei, wie auch die Bli­cke der ande­ren Per­so­nen auf dem Bild. Zeich­ne etwas davon ins Skiz­zen­buch, das ich in Rouen gefun­den hatte.

Dürers Paum­gart­ner Altar. Die vie­len per­spek­ti­vi­schen Lini­en der Archi­tek­tur; das muss für ihn damals eine ganz neue Ent­de­ckung gewe­sen sein, die er hier aus­gie­big anwen­de­te. Er woll­te zei­gen, was er konn­te. Gleich­zei­tig vie­le Ele­men­te, die vom eigent­li­chen Gesche­hen ablen­ken, die Minia­tur-Stif­ter­fi­gu­ren an den Sei­ten, die Engel­chen zu Füßen Mari­as, die zwei Hir­ten, die hin­ten in der Mit­te auf­tau­chen, von denen der eine sein Knie mit der Knie­schei­be so pro­mi­nent nach vorn schiebt …

Die Wein­hän­der-Gil­de, die E. in ihrer Ein­füh­rung in Utrecht als Ein­gangs­bild ver­wen­det hat. Gestren­ge Her­ren, Auf­merk­sam­keit, Bli­cke, Bücher .…

Der Tin­to­ret­to-Saal. Die Erobe­rung Mai­lands durch Gon­z­a­ga; eine Nacht­sze­ne, bei der die Bild­mit­te ganz dun­kel bleibt, ein schwar­zes Loch, das Sog­wir­kung ent­fal­tet, nur am Rand tau­chen Figu­ren beleuch­tet auf.

Die auf­ge­ris­se­nen Mäu­ler von Löwen und Nil­pfer­den auf sei­en Jagd­sze­nen, die unglaub­lich pral­len, gro­tes­ken Lei­ber und Mons­ter bei Rubens „Höl­len­sturz“, Habe mich immer gefragt, ob die Leu­te damals tat­säch­lich in Angst und Schre­cken gerie­ten, oder ob sie die Höl­len­sze­nen doch auch komisch, zum lachen fan­den, und wenn ja, ob Rubens das so gewollt hat. Wahr­schein­lich aber soll­te es ernst­haft schreck­lich wir­ken, und tat es auch, und wir Heu­ti­gen haben einen ande­ren Blick dar­auf, sind an Iro­nie und Dop­pel­bö­dig­keit gewohnt.

Abends Kino: „Dig­ger“ von Ale­jan­dro Gon­za­les Inar­ri­tu. Star­auf­ge­bot mit sehr guten Leis­tun­gen: Tom Crui­se, John Good­man, Jes­se Ple­mons, San­dra Hül­ler .… Groteske/Komödie/Satire …. „it doesn’t mat­ter“, um Ölboh­run­gen in der Ark­tis, die Kli­ma­ka­ta­stro­phe und die Ver­ar­bei­tung des gan­zen in einem Thea­ter­stück. Die­se Inein­an­der­schach­te­lung der Ebe­nen, die­ser „Film-im-Film“ sehr inter­es­sant und amü­sant, erin­nert z.B. an die Fil­me Char­lie Kauf­manns, etwa “Syn­ec­doche New York”, mit Phil­ip Sey­mour Hoff­man in der Rol­le eines über­for­der­ten Thea­ter­re­gis­seurs, dem das gebau­te Thea­ter über den Kopf wächst und bald mehr Raum ein­nimmt als die Rea­li­tät. Oder an “Bird­man”, eben­falls von Inar­ri­tu. Man sieht, dass es dem Regis­seur sicht­lich Spaß macht, mit den Ebe­nen zu spie­len, mit Requi­si­ten, der Kat­ze, der Schau­fel, rich­tig laut auf den Putz zu hau­en, zu über­trei­ben. Über die Mes­sa­ge bei “Dig­ger” bin ich mir nicht ganz im kla­ren: dass wir trotz allem über die Kli­ma­ka­ta­stro­phe und ihre Ver­ur­sa­cher, d.h. uns selbst, lachen kön­nen und sol­len? Und kann das eine Kathar­sis sein? Bringt es jeman­den dazu, sei­nen Lebens­stil zu ändern? Oder geht es eher um die gro­ße Fra­ge, was Kunst im Ange­sicht her­ein­bre­chen­der Kata­stro­phen leis­ten kann (sie­he Guar­di­an)?

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