„SPRE­CHEN SIE RUS­SISCH“, 1975/2001/2024

Beim Auf­räu­men fiel mir im Schlaf­zim­mer ein Buch in die Hand: zer­fled­dert, aus­ein­an­der­ge­fal­len, der Rücken hat sich gelöst: „SPRE­CHEN SIE RUS­SISCH“ von S.A. Chaw­ro­ni­na. Es war der Tag im Febru­ar 2024, als ich vom Tod Alex­an­der Nawal­nys in einem rus­si­schen Gefäng­nis erfuhr. Ich erin­ner­te mich an die Ver­su­che, Rus­sisch zu ler­nen – und mei­ne Bezie­hung zu die­ser Sprache.

Das Buch bekam ich 2001 im Kurs „Rus­sisch für Nicht­sla­wis­ten“ an der Uni Mün­chen; eine Fort­set­zung, ich hat­te schon 1999 mit Rus­sisch ange­fan­gen – die vage Idee im Kopf, ein oder meh­re­re Semes­ter an der Kunst­aka­de­mie in Sankt Peters­burg zu stu­die­ren.
Im Herbst 1999 fuhr mit dem Zug dort­hin, besuch­te für eini­ge Wochen einen Sprach­kurs, wohn­te bei einer Fami­lie in einem Plat­ten­bau. Danach nach Mos­kau, über Finn­land mit dem Zug über Schwe­den zurück. Eine groß­ar­ti­ge Erfah­rung ins­ge­samt — auch wenn ich die Idee, län­ger in Peters­burg zu stu­die­ren (lei­der?) nicht umsetz­te, da mir die Aka­de­mie zu starr-tra­di­tio­nell, Stadt und Staat zu sehr von Poli­zei und Mili­tär domi­niert und die büro­kra­ti­schen Hür­den zu hoch schienen. 

Danach wur­de das Inter­es­se und die Bemü­hung, Rus­sisch zu ler­nen, gerin­ger; war zwar nie ganz weg, trat aber in den Hin­ter­grund. Sehr weit bin ich nicht gekom­men, und vie­les habe ich ver­ges­sen. Aber es reich­te, um spä­ter auf der Fahrt mit der Trans­si­bi­ri­schen Eisen­bahn mit Mit­rei­sen­den eini­ge Sät­ze wech­seln zu kön­nen, mit einem Taxi­fah­rer in Geor­gi­en — oder mit rus­sisch­spra­chi­gen Ukrai­nern, die nach Deutsch­land geflüch­tet sind, wie neu­lich im Zug. 

Seit­dem Russ­land den Krieg gegen die Ukrai­ne am 24.2.22 zu einer umfas­sen­den Inva­si­on aus­ge­wei­tet hat — zwei Jah­re ist das her, als ich die­sen Text schrei­be — habe ich Bücher und Unter­la­gen wie­der her­vor­ge­holt. Ich woll­te zunächst bes­ser ver­ste­hen, was in rus­si­schen Medi­en zu hören und zu lesen war.
Und Rus­sisch mag ich als Spra­che immer noch, auch wenn sie durch die gegen­wär­ti­ge, aggres­siv-impe­ria­lis­ti­sche Poli­tik Russ­lands dis­kre­di­tiert scheint – ähn­lich, wie es Deutsch zur Zeit des NS-Regimes war …
In die­sem Zusam­men­hang hat­te ich auch das Lehr­buch wie­der vor­ge­nom­men — das sich jetzt unter mei­nen Hän­den auflöst. 

Beim Titel „SPRE­CHEN SIE RUS­SISCH“ ist zunächst offen, ob er als Fra­ge oder als Auf­for­de­rung gedacht ist, da ein Satz­zei­chen, ein Fra­ge – oder Aus­ru­fe­zei­chen fehlt. Im Licht gegen­wär­ti­ger Sprach­po­li­tik der Rus­si­fi­zie­rung fällt mir die­se Dop­pel­deu­tig­keit erst auf. 

Ein Reiz des Buches ist, dass es in eine Welt zurück­führt, die es in den 2000er Jah­ren so nicht mehr gab — und heu­te, 20 Jah­re spä­ter, noch viel weni­ger: die der UdSSR. Man könn­te sagen, im Zer­fall des Buches spie­gelt sich der der Sowjet­uni­on wider. Hier tau­chen auch inzwi­schen obso­let gewor­de­ne Bezeich­nun­gen, Wör­ter auf, die mit dem Gesell­schafts­sys­tem zu tun haben, z.B. der “Genos­se (Towa­risch) Mili­zio­när”. Der hier natür­lich nicht als Über­wa­cher und Unter­drü­cker auf­tritt, son­dern als Freund und Hel­fer, den man nach dem Weg zum Thea­ter fragt.
Es ist eine typi­sche, schö­ne, geord­ne­te Welt, ohne Pro­ble­me, die Welt der 1970er Jah­re in Mos­kau, illus­triert mit anspre­chen­den, idea­li­sie­ren­den Strich­zeich­nun­gen. Es ver­mit­telt ein posi­ti­ves Bild von Land, Leu­ten und Gesell­schaft. Ver­ständ­lich: Jedes Lehr­buch ist gleich­zei­tig eine Wer­bung für Spra­che und Land. 

“Etwas über sich selbst”

Das ers­te Kapi­tel stellt, wie häu­fig in Sprach­lehr­bü­chern, einen Prot­ago­nis­ten vor, mit dem man sich dann iden­ti­fi­zie­ren soll. Unter der Über­schrift “Etwas über sich selbst” erzählt er in der 1. Per­son sei­nen Lebens­weg, gerad­li­nig und typisch: Er ist in Mos­kau gebo­ren und hat immer dort gewohnt. Frü­hes Inter­es­se für Che­mie, nach der Schu­le Uni, nach fünf Jah­ren Stu­di­en­ab­schluss, danach Arbeits­be­ginn in einer Fabrik. Hei­rat im ver­gan­ge­nen Jahr. Eines folgt logisch auf das andere. 

Dar­in weicht er schon sehr stark von mei­nem eige­nen ab: Kei­ne Brü­che, kei­ne Aus­lands­auf­ent­hal­te, kei­ne Umzü­ge, kei­ne Wech­sel der Studienfächer. 

Die­ser gene­ri­sche, mus­ter­haf­te Lebens­lauf erin­nert mich an mei­ne Ver­su­che, mit ChatGPT eige­ne CVs zu krei­ren. Auch dort waren Lebens­läu­fe nach dem Kri­te­ri­um der Wahr­schein­lich­keit das Ergebnis. 

Über den Text legen sich mei­ne Anmer­kun­gen, Mar­kie­run­gen, Unter­strei­chun­gen, auch Zeich­nun­gen. Das Nach­schrei­ben, Nach­ma­len der kyril­li­schen Buch­sta­ben, um v.a. die Kurr­ent­schrift nach­ah­mend zu erlernen. 

Doch dane­ben steckt dar­in auch der Ver­such, aus dem Lehr­buch etwas Indi­vi­du­el­les zu machen, sich ein­zu­schrei­ben, das Buch sich anzueignen. 

Das Buch ist übri­gens 1975 erschie­nen – in mei­nem Geburts­jahr; es wür­de also auch in die Serie „’75“ in Books to Do passen.

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