Ein Freitag, der sich wie ein Samstag anfühlt. Habe den Rhythmus von Schlafen und Wachen noch nicht wieder ganz von Usbekistan an Mitteleuropa angepasst, noch immer etwas desorientiert.
In der Alten Pinakothek München. Wiedersehen mit einigen alten Bekannten, auch wenn sie umgezogen, neu gehängt sind („Old Masters on the Move“).
Erstaunlich, wie eng im Gedächtnis ein Bild mit einem Raum verknüpft ist. Dürers Selbstporträt hatte ich immer neben dem Durchgang in die anderen Säle in Erinnerung, Altdorfers „Alexanderschlacht“ auf einer schmaleren Wand, seine tolle Architekturphantasie mit dem Turm-Palast (Susanna im Bade?) in einem Raum weiter hinten; jetzt hängt sie neben seinem Schlachtengemälde …
Anscheinend ist das Konzept der jetzigen Hängung, die Highlights für die Besucher auf engem Raum zu versammeln, so dass an die schnell erfasst hat: Dürers Selbstporträt von 1500 an einer Wand, an der anderen die “Alexanderschlacht”. Dürers Apostel hängen eingefasst von weniger bedeutenden Gemälden, insgesamt recht enge Hängung.
Die liebgewonnenen Sehgewohnheiten sind doch stärker als gedacht, und den Kuratoren ist das vielleicht gar nicht so bewusst. Dabei ist nicht gesagt, dass man Bilder nicht einmal anders hängen könnte. Die Kombination etwa von Dürers Selbstporträt mit dem Porträts eines jungen Fürsten mit dem direkten, intensiven Blick (Hans Baldung Grien) gefällt mir gut.
Gemeinsam Bilder anschauen: E. weist mich auf die Abendwolken hin, die in der Berglandschaft hinter dem Hl. Christopherus ähnlich aussehen wie die in Grundlsee, bei Blick nach Westen.
Die Gestalt eines Soldaten bei einer Auferstehung von Dierk Bouts: Mit weit aufgerissenen Augen, die Hände als Schutz vor das Gesicht gehalten, starrt er nach oben. Dabei geht sein Blick eigentümlich ins Leere, am Auferstandenen vorbei, wie auch die Blicke der anderen Personen auf dem Bild. Zeichne etwas davon ins Skizzenbuch, das ich in Rouen gefunden hatte.
Dürers Paumgartner Altar. Die vielen perspektivischen Linien der Architektur; das muss für ihn damals eine ganz neue Entdeckung gewesen sein, die er hier ausgiebig anwendete. Er wollte zeigen, was er konnte. Gleichzeitig viele Elemente, die vom eigentlichen Geschehen ablenken, die Miniatur-Stifterfiguren an den Seiten, die Engelchen zu Füßen Marias, die zwei Hirten, die hinten in der Mitte auftauchen, von denen der eine sein Knie mit der Kniescheibe so prominent nach vorn schiebt …
Die Weinhänder-Gilde, die E. in ihrer Einführung in Utrecht als Eingangsbild verwendet hat. Gestrenge Herren, Aufmerksamkeit, Blicke, Bücher .…
Der Tintoretto-Saal. Die Eroberung Mailands durch Gonzaga; eine Nachtszene, bei der die Bildmitte ganz dunkel bleibt, ein schwarzes Loch, das Sogwirkung entfaltet, nur am Rand tauchen Figuren beleuchtet auf.
Die aufgerissenen Mäuler von Löwen und Nilpferden auf seien Jagdszenen, die unglaublich prallen, grotesken Leiber und Monster bei Rubens „Höllensturz“, Habe mich immer gefragt, ob die Leute damals tatsächlich in Angst und Schrecken gerieten, oder ob sie die Höllenszenen doch auch komisch, zum lachen fanden, und wenn ja, ob Rubens das so gewollt hat. Wahrscheinlich aber sollte es ernsthaft schrecklich wirken, und tat es auch, und wir Heutigen haben einen anderen Blick darauf, sind an Ironie und Doppelbödigkeit gewohnt.
Abends Kino: „Digger“ von Alejandro Gonzales Inarritu. Staraufgebot mit sehr guten Leistungen: Tom Cruise, John Goodman, Jesse Plemons, Sandra Hüller .… Groteske/Komödie/Satire …. „it doesn’t matter“, um Ölbohrungen in der Arktis, die Klimakatastrophe und die Verarbeitung des ganzen in einem Theaterstück. Diese Ineinanderschachtelung der Ebenen, dieser „Film-im-Film“ sehr interessant und amüsant, erinnert z.B. an die Filme Charlie Kaufmanns, etwa “Synecdoche New York”, mit Philip Seymour Hoffman in der Rolle eines überforderten Theaterregisseurs, dem das gebaute Theater über den Kopf wächst und bald mehr Raum einnimmt als die Realität. Oder an “Birdman”, ebenfalls von Inarritu. Man sieht, dass es dem Regisseur sichtlich Spaß macht, mit den Ebenen zu spielen, mit Requisiten, der Katze, der Schaufel, richtig laut auf den Putz zu hauen, zu übertreiben. Über die Message bei “Digger” bin ich mir nicht ganz im klaren: dass wir trotz allem über die Klimakatastrophe und ihre Verursacher, d.h. uns selbst, lachen können und sollen? Und kann das eine Katharsis sein? Bringt es jemanden dazu, seinen Lebensstil zu ändern? Oder geht es eher um die große Frage, was Kunst im Angesicht hereinbrechender Katastrophen leisten kann (siehe Guardian)?
