Jour­nal 11.1.–14.1.2026; Aus­räu­men: Stroh, Kunst­ver­ein Tiergarten

11.1., Sonn­tag

Abho­lung des Pflas­ter­steins vom Sal­va­tor­platz, den ich als Mul­ti­ple in einer Aus­stel­lung gezeigt hat­te, in der Gale­rie der Künst­ler. Gegen Mit­tag nach Frei­sing, Woh­nungs­auf­lö­sung von Wil­fried Stroh, mei­nem ehe­ma­li­gen Latein­pro­fes­sor.
Zunächst den Dom­berg hin­auf; beim Blick auf das Pflas­ter muss ich an die bemän­gel­te Pflas­te­rung am Sal­va­tor­platz den­ken, das Denk­mal lässt mich noch nicht los.
Der Dom. Die fan­tas­ti­sche Kon­struk­ti­on mit dem tie­fer­lie­gen­den Mit­tel­raum, in den man nach der Ein­gangs­hal­le hin­un­ter­steigt. Drü­ben, am ande­ren Ende, wie­der eine Trep­pe, die hin­auf in den Chor führt. Dar­un­ter wie­der eine Trep­pe, hin­un­ter in die Kryp­ta. Im Kreuz­gang. Die Käl­te kriecht von allen Sei­ten her­an. Bes­ser nicht zu lan­ge ste­hen­blei­ben. Eini­ge Frot­ta­gen, von Buch­sta­ben „A“. 

Zur Woh­nung von Stroh, wo ich vor ca. 30 Jah­ren gehol­fen habe, Rega­le auf­zu­bau­en und Bücher ein­zu­räu­men, als ich Hilfs­kraft bei ihm war. Jetzt wird aus­ge­räumt; ein Besen ist in unten in die Tür geklemmt, um Inter­es­sen­ten den Zugang zu ermög­li­chen. Es sind doch vie­le da, die Bücher durch­fors­ten, mit­neh­men, in Taschen, Kar­tons, Roll­kof­fern, Ruck­sä­cken. Inso­fern eine schö­ne Art der Anteil­nah­me und des Inter­es­ses. Eini­ge ken­ne ich auch noch, „von frü­her.“ Aber gleich­zei­tig weiß ich, dass die­se Pha­se doch schon lang vor­bei ist; ein Flash­back in ein ver­gan­ge­nes Leben.

Im ehe­ma­li­gen Wohn­zim­mer ein Berg von lee­ren Akten­ord­nern; sein Nach­lass ist an das Staats­ar­chiv gegan­gen. Ins­ge­samt etwas trau­ri­ge Ver­an­stal­tung – aber wie­der die Erkennt­nis: eine Biblio­thek hat ihren Sinn zu Leb­zei­ten des Samm­lers. Er hin­ter­lässt aber Spu­ren, die für die Nach­welt span­nend sein kön­nen: Namens­ein­trä­ge, Unter­strei­chun­gen, Zeitungsartikel …

Die Bücher sind zum Teil diessel­ben, die mein Vater auch hat(te): Viel zu Musik; Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ist hier mit brei­ten Inter­es­sen ver­bun­den, mit Phi­lo­so­phie, Psychologie.

Neh­me eini­ges mit: Kar­tei­kar­ten mit Voka­beln, eine rororo-Mono­gra­phie zu Les­sing, Fer­di­nand de Sauss­u­res „Grund­la­gen der All­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft“, Tex­te auf Fran­zö­sisch (Flau­bert, „La Ten­ta­ti­on de saint Antoine“, Huys­mans, „La-bas“, André Gide, Les Caves du Vati­can…), Strohs Geschich­te der Rhe­to­rik. Klin­gers „Römi­sche Geis­tes­welt“. Dar­in mate­ri­ell inter­es­sant ein offen­sicht­lich als Ein­mer­ker ein­ge­leg­tes zer­knüll­tes Tem­po-Taschen­tuch. Ein Voka­bel­heft, das mich an mein Eng­lisch-Wör­ter­heft erin­nert, das ich abfo­to­gra­fiert und als Künst­ler­heft ver­öf­fent­licht hatte.

Schwer bela­den zie­hen wir von dannen.

12.1., Mon­tag

Sehe wie­der den schö­nen Druck des Fotos von Lau­ra Pilar Del­ga­do, mit den zwei Blü­ten, die zusam­men­hän­gen und sia­me­si­schen Zwil­lin­gen ähneln. Ich hat­te sie beim ein​Buch​.haus gekauft, im Rah­men der Akti­on, bei der Künst­ler Dru­cke zum Ver­kauf ein­rei­chen, um dem ein​Buch​.haus zu hel­fen, das von einem Was­ser­scha­den betrof­fen ist. Pos­te sie. 

Fahrt nach Ber­lin. Unter­wegs in Aus­ters 4321. Ent­de­cke jetzt, dass bei man­chen Kapi­teln (z.B. 4.2., 5.2.,) nur die Num­mern ste­hen, als sys­te­ma­ti­sche Kate­go­rie. Doch ist die Sei­te sonst leer: Der Prot­ago­nist ist in die­ser Vari­an­te bereits tot, in 2.2. von einem her­ab­stür­zen­den Ast erschla­gen. Freue mich über die­se (spä­te) Ent­de­ckung. Hat­te es bis­her ein­fach über­blät­tert. Ein­drück­lich auch der Paris­auf­ent­halt, mit den homo­se­xu­el­len Avan­cen. Erin­nert mich an die Fahrt nach Grie­chen­land oder bes­ser, die Rück­fahrt von Grie­chen­land, als ich tram­pend von einem Her­ren (König hieß er, glau­be ich) mit­ge­nom­men und dann ins Hotel ein­ge­la­den wurde.

Kom­me gegen Mit­ter­nacht an. Matteo noch auf, er liest Gedich­te von Kava­fis, grie­chisch-ita­lie­nisch, tes­to a fron­te. Eine Hin­ter­las­sen­schaft des Vor­mie­ters, Mar­co. Hin­ter den Leu­ten steckt doch mehr, als man ver­mu­tet. Ihre Sachen, ihre Bücher spre­chen eine eige­ne Spra­che. Neh­me die deut­sche Fas­sung von 4321 aus dem Regal und erzäh­le, dass ich das Buch gera­de lese.

13.1., Diens­tag

Wache gegen 7 Uhr auf; Undeut­li­ches Bild einer Maschi­ne vor Augen, eines Bau­teils aus Metall mit senk­rech­ten Stre­ben, wie eine Hei­zung, mit glat­ter mes­sing­ar­ti­ger Ver­klei­dung. Es steht an einer Trep­pe; hat eini­ge Kratz­spu­ren, ist schon etwas älter. Auf ein­mal sagt eine Stim­me, das sei ich — was mich erschreckt, ich wache auf. Viel­leicht von den Aus­ter-Geschich­ten beeinflusst?

Sit­ze in der Bru­no-Lösche-Biblio­thek. Abei­lung Roma­ne-Fan­ta­sy/­Co­mics. Das Mann-Denk­mal holt mich aber ein: Habe mir die Publi­ka­ti­on zu einer Aus­stel­lung in der U‑Bahn-Gale­rie Mün­chen mit­ge­nom­men, die Klaus Bäum­ler vom Bezirks­aus­schuss Mün­chen Max­vor­stadt geschickt hat. Setz­te Ant­wort an ihn auf. Die Kor­rek­tu­ren der Lek­to­rin vom Ker­ber-Ver­lag sind zurück.

14.1., Mitt­woch

Schwar­zer Tag heute.

Gleich zwei Zei­tun­gen ver­öf­fent­li­chen Arti­kel, in denen das Feh­len von Hein­rich Mann beim Denk­mal bemän­gelt wird, die Abend­zei­tung und die FAZ. Soll­te mich nicht ärgern, tut es aber doch.

Dane­ben ist das Aus­räu­men der Gale­rie Nord ziem­lich unan­ge­nehm. Wie­der so eine Haus­halts­auf­lö­sung, ein Umzug. Erin­nert mich sehr an die Situa­ti­on let­zen Sonn­tag, in Frei­sing bei Wil­fried Stroh. Sor­tie­re über­zäh­li­ge Exem­pla­re von Büchern, schaue, was noch Brauch­ba­res da ist, was ich viel­leicht selbst mit­neh­men will und kann.

Mache eine schnel­le Instal­la­ti­on mit RE:VISION, den Kata­lo­gen zum 20-jäh­ri­gen Jubi­lä­um, die sich in Schach­teln tür­men. Es han­delt sich um benut­ze Exem­pla­re, die ent­sorgt wer­den sol­len, etwa 50 Stück. Lege sie in einem Recht­eck am Boden aus. Stap­le die lee­ren Schach­teln über­ein­an­der. Ver­su­che ver­schie­de­ne Kon­stel­la­tio­nen. Gewis­se Hilf­lo­sig­keit. Es muss alles recht schnell gehen, und es ist kei­ne Ate­lier- oder Ausstellungssituation

Hel­fe dann mit, die Exem­pla­re in den Papier­con­tai­ner zu tra­gen. Spä­ter wer­de ich noch­mal vor­bei­kom­men, wie­der wel­che her­aus­fi­schen. Ich ertra­ge das ein­fach nicht.

Art­mi­nis­tra­ti­on Teil 1 Abs. (4): „Kunst und Büro­kra­tie“, Büro für kura­to­ri­sche For­schung, c/o Gale­rie Nord, Kunst­ver­ein Tier­gar­ten, Berlin

23.7.–2.8.2025
BKF — Büro für kura­to­ri­sche For­schung c/o Gale­rie Nord | Kunst­ver­ein Tiergarten

„Art­mi­nis­tra­ti­on Teil 1 Abs. (4): „Kunst und Büro­kra­tie“, Büro für kura­to­ri­sche For­schung, c/o Gale­rie Nord, Kunst­ver­ein Tier­gar­ten, Ber­lin“ wei­ter­le­sen

ani­ma­li­bri, Kunst­ver­ein Tier­gar­ten Ber­lin, 2012

Albert Coers: Biblioteca privata R.F.H., C.G.E.B., A.J.C. 2012 (links), Biblioteca vitale, 2011 (Mitte), Biblioteca pendente 2011 (rechts)
Raum 1: Biblio­te­ca pri­vata R.F.H., C.G.E.B., A.J.C. 2012 (links), Biblio­te­ca vita­le, 2011 (Mit­te), Biblio­te­ca pen­den­te 2011 (rechts)
Biblio­te­ca pri­vata R.F.H., C.G.E.B., A.J.C.
Biblio­te­ca pen­den­te, 2011/2012

Albert Coers: Biblioteca Giardino Zoologico (2012) (links), ENCYCLOPEDIALEXANDRINA
Biblio­te­ca Giar­di­no Zoo­lo­gi­co (2012) (links), ENCY­CLO­PE­DI­A­LEX­AN­DRI­NA, (2012) (rechts)
Albert Coers: I Classici dell'Arte - versione svizzera (2012), Enciclopedia critica dell'arte contemporanea (2012), Biblioteca botanica - fantasmini (2006)
Raum 3: I Clas­si­ci del­l’Ar­te — ver­sio­ne svi­z­zera (2012), Enci­clo­pe­dia cri­ti­ca del­l’ar­te con­tem­po­ra­nea (2012), Biblio­te­ca bota­ni­ca — fan­tas­mi­ni (2006)
Albert Coers: Enciclopedia critica dell'arte contemporanea (2012), I Classici dell'Arte - versione svizzera (2012), I SOLITI TITOLI (2011), Video

ani­ma­li­bri
kura­tiert von Ralf Hart­mann
Ein­zel­aus­stel­lung Solo Show
Kunst­ver­ein Tier­gar­ten — Gale­rie Nord, Ber­lin
Turm­stra­ße 75, 10551 Berlin

Eröff­nung Ope­ning: 15.3.2012
15.3. — 15.4. 2012

Beglei­tend erscheint die Publi­ka­ti­on
In this occa­si­on is published

Müde Bücher ( Salon Ver­lag Köln)

Für den Kunst­ver­ein Tier­gar­ten ent­wi­ckelt Albert Coers eine die Gale­rie umfas­sen­de Prä­sen­ta­ti­on sei­ner jüngst ent­stan­de­nen Arbei­ten zu Biblio­the­ken und Buch, ver­bun­den mit eigens für die Aus­stel­lung enwi­ckel­ten neu­en Arbei­ten, die auch die groß­flä­chi­ge Öff­nung der Gale­rie­fens­ter zum Stra­ßen­raum mit einbeziehen.

Gezeigt wer­den Arbei­ten aus den Jah­ren 2008 bis 2012, wie z. B. ENCY­CLO­PE­DI­A­LEX­AN­DRI­NA, eine groß­for­ma­ti­ge Raum­in­stal­la­ti­on und Wand­col­la­ge mit Mate­ri­al aus der Biblio­thek von Alex­an­dria, die wesent­lich erwei­tert und durch skulp­tu­ra­le Ele­men­te ergänzt wird. Die Rei­he I TITO­LI SOLI bestehend aus Frot­ta­gen von Buch­ein­bän­den, wird zu asso­zia­tiv-erzäh­le­ri­schen Tableaus grup­piert; Müde Bücher, eine Serie von ein­zel­nen Büchern aus einer pri­va­ten Biblio­thek, wird die vor­her­ge­hen­de Ver­wen­dung von Büchern in einer Instal­la­ti­on ables­bar machen.
In Zusam­men­ar­beit mit loka­len Biblio­the­ken ent­steht eine orts­spe­zi­fi­sche Buch­in­stal­la­ti­on, die mit deren Bestän­den arbei­tet und sie tem­po­rär in den Gale­rie­raum verlagert.

Ver­an­stal­tun­gen
Events during the exhibition

Mitt­woch, 28. 3., 19.30 h
Mar­kus Kra­jew­ski (Bau­haus-Uni­ver­si­tät Wei­mar):
Bücher­raum­ord­nungs­ver­fah­ren.
Vor­trag und Gespräch mit Albert Coers

Diens­tag, 3. 4., 17.30 h
Füh­rung durch die Aus­stel­lung mit Ralf F. Hart­mann, Kurator

Frei­tag, 13. 4., 18 h
Aus­stel­lungs­rund­gang exhi­bi­ti­on tour, Albert Coers im Gespräch mit in con­ver­sa­ti­on with Ralf F. Hartmann

Die Aus­stel­lung wird geför­dert von
With fri­end­ly sup­port by

Golart Stif­tung, Erwin und Gise­la von Stei­ner Stif­tung, Rischart, München.

ani­ma­li­bri

Ani­ma­li­bri: der Titel ver­schmilzt Wor­te, die häu­fig als Gegen­sät­ze gebraucht wer­den: Ani­ma, See­le, Leben, und libri, Bücher. Gleich­zei­tig steckt in ihm auch Ani­mal (Lebe­we­sen, Tier), was zum Ort, der Gale­rie im Tiergar­ten passt. Bücher sind als etwas Leben­di­ges auf­ge­fasst, sie­he die Instal­la­tio­nen, sie­he auch die Arbeit Müde Bücher. Und Bücher pas­sen zum Ort, zur Gale­rie Nord als ehe­ma­li­ge Bibliothek. 

Im ers­ten Raum im Osten sind Bücher aus Pri­vat­bi­blio­the­ken in Fens­tern instal­liert. (Biblio­te­ca pri­vata R.F.H., C.G.E.B., A.J.C., 2012). Die Bücher stam­men je Fens­ter von einem Mit­glied des Kunst­ver­eins Tier­gar­ten. Die Anord­nung ver­sucht die Inter­es­sen der Besit­zer auf­zu­grei­fen: Im ers­ten Fens­ter eine recht­wink­li­ge, archi­tek­to­ni­sche Kon­struk­ti­on (Ralf Hart­mann, Archi­tek­tur­schwer­punkt, Schin­kel etc.), dane­ben eine eher kom­pak­te, „male­ri­sche“, wo Bücher über rus­si­schen Kon­struk­ti­vis­mus und Supre­ma­tis­mus zu fin­den sind (Clau­dia Beelitz), dann eine  geschich­te­te (Bücher von Albert Coers). Den­noch ent­steht eine Gesamt­form, die sich über die Fens­ter­front erstreckt.

Ange­sichts die­ser raum­grei­fen­den Instal­la­tio­nist die Hän­gung im Raum eher spar­sa­me, steht aber in Ver­bin­dung zum The­ma der Biblio­thek. An der Stirn­sei­te zwei Bün­del Leih­schei­ne (jeweils Aus­leih- und Rück­ga­be­quit­tun­gen), aus dem Pro­jekt Biblio­te­ca vita­le (2011), für das aus der Biblio­thek der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin – Grimm-Zen­trum hun­der­te Bücher zum The­ma „Leben“ aus­ge­lie­hen wur­den. Dies kor­re­spon­diert mit den grü­nen Stell­ver­tre­ter­kar­ten für aus­ge­lie­he­ne Bücher der Biblio­te­ca Bota­ni­ca, am ande­ren Ende der Gale­rie, an der Westwand.

An der Süd­wand: hän­gen 10 Stoff­ta­schen aus dem Pro­jekt Zet­tels Traum, 2011, gefüllt mit Büchern. Die Stoff­ta­schen stam­men von ver­schie­de­nen Ber­li­ner Filia­len der Hugen­du­bel-Ket­te. Dort kauf­te Coers ins­ge­samt 69 Exem­pla­re von Wah­rigs Wör­ter­buch, bis ihr Preis der­sel­be war wie von einem Exem­plar von Arnold Schmidts Zet­tels Traum, foto­gra­fier­te sie und tausch­te sie um bzw. brach­te sie zurück. Die Quit­tun­gen waren Bestand­teil der Arbeit. Am ande­ren Ende der Gale­rie sind zwei doku­men­ta­ri­sche Fotos der Arbeit zu sehen.

An der Süd- u. West­wand sind gra­fi­sche Arbei­ten zu sehen: I TITO­LI SOLI (2009–2012) („nur die Titel“, ein Spiel mit Titeln der Instal­la­ti­on I SOLI­TI TITO­LI,2009, aus der sich Müde Bücher ablei­te­te). Es sind Frot­ta­gen, Abrie­be von gepräg­ten Buch­ein­bän­den, die neu zu asso­zia­tiv-erzäh­le­ri­schen Tableaus grup­piert wur­den (zum The­ma „Ber­ge, Expe­di­tio­nen, (Lebens)gefahr“, z.T. asso­zia­tiv zum The­ma der Biblio­te­ca vita­le gegen­über, z.B. „wir wer­den leben“).Die Tech­nik des Abriebs, die u.a. in der Archäo­lo­gie ver­wen­det wird, um Inschrif­ten wie­der­zu­ge­ben, ist ein repro­du­zie­ren­des Ver­fah­ren mit eige­ner gra­phi­scher Qua­li­tät, zwi­schen Ori­gi­nal­zeich­nung und Druck­gra­phik. Die Serie kor­re­spon­dier­te mit Bild-Text-Kom­bi­na­tio­nen der Instal­la­ti­on mit Foto­ko­pien im Mittelraum.

Mit­tel­raum

In den Raum ein­ge­passt steht Scaf­fa­le (Biblio­te­ca Bota­ni­ca), eine Art begeh­ba­rer Pavil­lon aus Holz­re­ga­len, war Bestand­teil der Instal­la­ti­on Biblio­te­ca Bota­ni­ca, Kunst­mu­se­um Hei­den­heim, 2006. Dort war es Trä­ger­ele­ment für aus kom­mu­na­len Biblio­the­ken aus­ge­lie­he­ne Bücher zum The­ma „Bota­nik“. Durch die Schräg­stel­lung der Regal­bret­ter wur­den Asso­zia­tio­nen an Äste eines Bau­mes oder die Rip­pen eines Blat­tes geweckt. Im Kunst­ver­ein Tier­gar­ten wird auf des­sen eige­ne Biblio­thek zurück­ge­grif­fen: Kata­lo­ge, sonst im Raum hin­ter dem Emp­fang in einem gro­ßen Regal, wer­den „aus­ge­lie­hen“ und neu nach Grö­ße sor­tiert; und die Bret­ter ent­spre­chend in Schräg­stel­lung ange­passt. Es ent­steht eine neue Ord­nung. Das Regal hin­ter dem Emp­fang der Gale­rie Nord ist dage­gen leer.

Mit dem The­ma der Biblio­thek, mit dem der Abwe­sen­heit und Neu­krea­ti­on in Ver­bin­dung steht ENCY­CLO­PE­DI­A­LEX­AN­DRI­NA (2008–2012), eine Wand­col­la­ge mit Foto­ko­pien aus den Biblio­the­ken von Alex­an­dria – es gibt meh­re­re Städ­te die­ses Namens, nicht nur in Ägyp­ten, son­dern auch in Vir­gi­nia und in Ita­li­en. Sie bezieht sich auf die legen­dä­re Biblio­thek, die alles Wis­sen der Welt ver­sam­mel­te und deren Bestän­de auf rät­sel­haf­te Wei­se ver­schwun­den sind. „Von der Rose bleibt nur der Name übrig“ – heißt es in Umber­to Ecos Biblio­theks­ro­man „Der Name der Rose“. Von hier las­sen sich Ver­bin­dun­gen, zur Biblio­te­ca Bota­ni­ca her­stel­len, wie auch die Col­la­ge ein Spiel mit Bild- und Text­kom­bi­na­tio­nen und der Viel­deu­tig­keit von Namen ist.

Müde Bücher (2009/2012) ist eine Serie von ein­zel­nen Büchern aus der Biblio­thek eines ver­stor­be­nen Archi­tek­ten, an denen sich bei genaue­rem Hin­se­hen die vor­her­ge­hen­de Ver­wen­dung in einer Instal­la­ti­on able­sen lässt, die zu ihrer Ver­for­mung geführt hat. Sie sind cha­rak­te­ris­tisch für eine bil­dungs­bür­ger­li­che Biblio­thek der 1950er-70er Jah­re, wie sie Coers aus Erfah­rung sei­nes Eltern­hau­ses kennt. Prä­sen­tiert wer­den sie als skulp­tu­ra­le Ein­zel­ob­jek­te in einem Kar­ree von Sockeln. Die Objek­te waren Bestand­teil der Instal­la­ti­onSOLI­TI TITO­LI — LITO, 2009, im Fens­ter der Litho­gra­phie­werk­statt im Künst­ler­haus München.

Im Video­raum (im Raum, der hin­ter „Müde Bücher“ liegt) wur­de der Film I SOLI­TI TITO­LI (2009) gezeigt, der zwi­schen sach­li­cher Doku­men­ta­ti­on und eigen­stän­di­gem Blick auf eine Instal­la­ti­on steht. Zu sehen sind Bli­cke durch die gleich­na­mi­ge Instal­la­ti­on aus Büchern, die vor einem Fens­ter auf­ge­baut sind, auf Pas­san­ten und klei­ne all­täg­li­che Sze­nen, die, für sich banal, im Ver­ein mit den Buch­ti­teln neue Zusam­men­hän­ge ergeben.

Raum West

Mit dem Regal, aber auch mit den andern Leih­zet­teln kor­re­spon­diert Rappre­sen­tan­ti (Biblio­te­ca Bota­ni­ca), 2006/2012, Stell­ver­tre­ter­kar­ten aus grü­nem Kar­ton mit hand­schrift­lich ein­ge­tra­ge­nen Titeln und Biblio­theks­si­gna­tu­ren an der Quer­wand am Ende der Gale­rie. Sie mar­kier­ten in den Rega­len von kom­mu­na­len Biblio­the­ken Bücher, die asso­zia­tiv zum The­ma „Bota­nik“ aus­ge­lie­hen wur­den, ver­wie­sen auf etwas, das abwe­send, an einem ande­ren Ort war, und stell­ten dadurch eine neue Prä­senz her. Die Kar­ten sind nach dem ABC der Ver­fas­ser­na­men ange­ord­net, streng im Ras­ter. Die unter­schied­li­chen Grün­tö­ne der Kar­tei­kar­ten erge­ben aber ein unre­gel­mä­ßi­ges Muster.

Davor im Raum, zwei Boden, die mit Anklä­gen an Mini­ma­lis­mus spie­len: I Clas­si­ci del­l’Ar­te – ver­sio­ne svi­z­zera, 2012. Als mini­ma­lis­ti­sche Instal­la­ti­on am Boden: Bän­de der Rei­he I Clas­si­ci del Arte – Klas­si­ker der Kunst, eine in der Schweiz pro­du­zier­te Aus­ga­be der Bän­de über Kunst-Klas­si­ker aus Pri­vat­be­sitz (Biblio­thek von Bern­hard Coers, Vater von A.C.), ergänzt durch in Ber­li­ner Kom­mu­nal­bi­blio­the­ken ent­lie­he­ne Exem­pla­re (u.a. Biblio­thek Ste­glitz, Han­sa­bi­blio­thek, Bru­no-Lösche-Biblio­thek, Moa­bit). Die Bän­de sind mit dem Rücken nach oben gezeigt, mono­chrom, erin­nern an Stein­plat­ten. Ihre Her­kunft aus Biblio­the­ken ist aber an den Bar­codes ablesbar.

Enci­clo­pe­dia cri­ti­ca del­l’ar­te con­tem­po­ra­nea, 2012, Schu­ber von Kri­ti­sches Lexi­kons der Gegen­warts­kunst. Die lee­ren Schu­ber stam­men aus dem Bestand des Kunst­ver­eins Tier­gar­ten, der Inhalt befin­det sich auf dem Regal, als Qua­drat die lee­ren Hül­len, die farb­lich mit dem Boden kor­re­spon­die­ren. Sie erin­nern an Boden­skulp­tu­ren, etwa von Carl Andre.

Dane­ben sind wei­te­re Instal­la­tio­nen zu sehen, etwa der Kata­log der Biblio­te­ca Col­let­ti­va (2005). Hier sind in einem Kar­tei­kas­ten die Leih­schei­ne aus der ers­ten Buch­be­schaf­fung durch Aus­lei­he versammelt.

Foto­gra­fien von Instal­la­tio­nen sind eben­falls Zeug­nis­se, die über ihre doku­men­ta­ri­sche Funk­ti­on hin­aus Eigen­wert ent­wi­ckeln, so bei­spiels­wei­se in einer Serie von Pola­roids, bei denen beim Ent­wick­lungs­pro­zess Fehl­stel­len auf­tra­ten, die das Bild­mo­tiv teils unkennt­lich machen, dabei aber etwas Neu­es ent­ste­hen las­sen. Die Pola­roids sind mit Groß­bild­ka­me­ra auf­ge­nom­me­nen Pro­be­ab­zü­ge für end­gül­ti­ge Fotos, ent­stan­den 2008 bei der Aus­stel­lung Debut­an­ten. Sie zei­gen eine Buch­in­stal­la­ti­on, Bögen und Fenster.

Beglei­tet ist die Aus­stel­lung nicht durch einen „nor­ma­len“ Aus­stel­lung­ka­ta­log, son­dern durch eine als Künst­ler­buch gestal­te­te Publi­ka­ti­on, Coers’ ers­tes Foto­buch: Müde Bücher, erschie­nen im Salon Ver­lag, Köln, mit dem Text  „Ermü­det“ des Kunst­wis­sen­schaft­lers Wolf­gang Ullrich.

Das Buch wird in zwei Ein­band­va­ri­an­ten gedruckt, eine davon mit neu­tral-mono­chro­men Cover, das bei spä­te­ren Instal­la­tio­nen und Buch­skulp­tu­ren Ver­wen­dung fin­det (Biblio­te­ca con­ti­nua­ta, 2012, Sca­let­ta, Aus­stel­lung AVAN­ZI, Arto­thek Mün­chen, 2013.