Jour­nal, 29.4.26, Coll­ec­ting collections

Sym­po­si­um, „Coll­ec­ting Coll­ec­tions“, in der Gale­rie im Rat­haus Lichtenberg. 

Der „Exil­ort“ des Kunst­ver­eins Tier­gar­ten ist bes­ser als gedacht, es gibt ziem­lich viel Platz, meh­re­re Räu­me. Und er liegt nahe an der S/U‑Bahn Frank­fur­ter Tor. Vom Wed­ding aus aber trotz­dem die bekann­ten Ber­li­ner 40 Minu­ten. Da Leu­te hin­zu­be­kom­men, wird nicht so ein­fach sein.

Das The­ma des Sym­po­si­ums inter­es­siert mich natür­lich. Ein weit gespann­ter Bogen von Samm­lun­gen: die Samm­lung von Pflan­zen aus Viet­nam durch einen Künst­ler, aus­ge­stellt ein­mal im Kunst­ver­ein Tier­gar­ten, die von Arbei­ten eines mit 27 Jah­ren ver­stor­be­nen quee­ren Künst­lers, die infor­mel­len von femi­nis­ti­schen Initia­ti­ven, bei der die Mate­ria­li­tät eine eige­ne Bedeu­tung bekommt, dann die insti­tu­tio­nel­le Samm­lung, das Archiv der Lan­des­bild­stel­le Ber­lin. Hier die Fra­ge: Ab wann ist etwas eine Samm­lung, wann ein Archiv? Wie sind Zugän­ge gestal­tet? Zei­ge dann drei hand­ge­schrie­be­ne Kata­lo­ge von Bru­no Schrö­der, dem Buch­samm­ler in Mett­in­gen, die Lis­ten der Taschen­bü­cher, die er hat oder die noch feh­len, nach Ver­la­gen geord­net. Alle fin­den es toll, dann aber wird vor allem das zwang­haf­te, nerdi­ge, patho­lo­gi­sche an die­ser Art des Ver­zeich­nens gese­hen. Wobei bei mir die Fas­zi­na­ti­on durch die Kon­se­quenz des Auf­zeich­nens, die Mate­ria­li­tät und die Geschich­te dahin­ter über­wiegt. Ver­glei­che mit Han­ne Dar­bo­ven wer­den angestellt.

Vero­ni­ka Wit­te zeigt einen Stein aus ihrer Samm­lung von Kunst, aus einer Instal­la­ti­on von Ai Wei Wie in der Tate Gal­lery Lon­don, wo Mil­lio­nen von hand­be­mal­ten Kera­mik­stei­nen den Boden bedeck­ten. Das Mit­neh­men durch Besu­cher war wohl schon vor­her ein­kal­ku­liert, so dass sich das Werk und die Erin­ne­rung dar­an ver­teilt, an zahl­rei­che Orte und Haushalte.

30.4.26, Don­ners­tag

Mache mich auf die Suche nach rus­si­schem Hör­ma­te­ri­al. Gar nicht so ein­fach. Sto­ße auf Gedich­te von Alex­an­der Pusch­kin, u.a. sein „Exegi monu­men­tum“. Was für ein Selbst­be­wusst­sein! Er, der rus­si­sche Horaz! Das frap­piert mich, die­ses von sich selbst Über­zeugt­sein. Sei­nen Nach­ruhm, sei­ne ewi­ge Dau­er bereits ein­kal­ku­lie­ren. Geht es nicht auch eine Num­mer klei­ner? Kein zeit­ge­nös­si­scher Künst­ler wür­de das heu­te von sich sagen, und ich natür­lich auch nicht. Aber das ist 19. Jahr­hun­dert, und man kann sich fra­gen, in wie weit sich bei­des beein­flusst hat, Selbst­be­wusst­sein, die Vor­her­sa­ge des Ruh­mes und die Rezep­ti­on, der Ruhm selbst. Eine self ful­fil­ling pro­phe­cy? Braucht es die­ses Pathos, die­se hohe Auf­fas­sung von Dich­tung und Kunst, um etwas zustan­de zu brin­gen – und um als sol­che rezi­piert zu wer­den? Das fra­ge ich mich immer wie­der in der Kunst­auf­fas­sung, gera­de des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts.  Und von der Rezi­pen­ten­sei­te her gedacht: Es schmei­chelt dem Leser natür­lich auch, wenn er sich gera­de in die­sem Gedicht als Bestand­teil der gro­ßen Gemein­schaft des (rus­si­schen) Vol­kes füh­len kann, der Sprach­ge­mein­schaft, die da beschwo­ren wird, die über Räu­me und Zei­ten hin­aus­geht, ihrer­seits ewig ist. Und das Ver­trau­en in die Ver­brei­tung im Volk, in allen Schichten.

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