Jour­nal, 30.4. 2026 — Timm Ulrichs (1940–2026)

Besu­che Vero­ni­ca Radu­lo­vic in ihrem Ate­lier im Prenz­lau­er­berg. Sie berich­tet mir vom Tode Timm Ulrichs ges­tern, am 29.4. „Was!“ ent­fährt es mir über­rascht. Hät­te ihn ger­ne ein­mal in sei­nem Ber­li­ner Ate­lier besucht. Dazu wird es nicht mehr kom­men.
Sei­nen Arbei­ten und ihm selbst bin ich wie­der­holt begeg­net. Und war immer wie­der über­rascht von Ideen­reich­tum, (Sprach)Witz, Kon­se­quenz und Ein­satz für sein Werk.

Immer wie­der sah ich Arbei­ten, bei denen ich mir dach­te, dass ich die Idee ger­ne auch selbst gehabt hät­te. Etwa 2010, als er an der Gro­ßen Kunst­aus­stel­lung im Haus der Kunst mit dem Titel „Im Haus“ teil­nahm – mit einer Instal­la­ti­on aus Büchern, so inein­an­der­ge­steckt, dass sich die For­men von Häu­sern erga­ben. Und nichts dem Zufall über­ließ: Die “Häu­ser” waren streng geo­me­trisch ange­ord­net, im Kreis, die Bücher ein­heit­lich rot, wie Zie­gel, und die Titel korr­spon­dier­ten mit dem Inhalt.

Geni­al fand ich sei­ne lako­ni­schen Arbei­ten mit Text, Zei­chen und Spra­che, z.B. “A≠a”, in der Aus­stel­lung “Sagen und Zei­gen — Schrift in der Kunst” in der Vil­la Des­sau­er in Bam­berg 2015, die Not­bur­ga Karl kura­tiert hat­te, oder sei­ne Ana­gramm-Arbei­ten, wie “AUGEN — GENAU” in sei­ner gro­ßen Retro­spek­ti­ve 2020 in der Aka­de­mie der Küns­te Berlin. 

Zur Aus­stel­lung “Pau­se (Pre­lude)”, die ich 2018 mit Alex­an­der Steig und Cour­ten­ay Smith für den Künst­ler­ver­bund im Haus der Kunst kura­tier­te, steu­er­te er eine Sound­ar­beit bei, Pau­sen­zei­chen von Radio­sen­dern, zu einem mini­ma­lis­tisch-kon­kre­ten Hör­stück zusam­men­ge­schnit­ten.
Im Zusam­men­hang mit der Aus­stel­lung bekam ich einen schö­nen maschi­nen­ge­schrie­be­nen Brief von ihm, den ich ein­ge­scant habe und jetzt auf mei­nem Rech­ner wie­der­fin­de. Schon der Absen­der herr­lich dop­pel­bö­dig: “Kunst­be­trieb Timm Ulrichs”. Die Anre­de “Lie­ber Herr Coers” war aus­ge­stri­chen und durch das per­sön­li­che­re “Lie­ber Albert Coers” ersetzt.

Dann kreuz­ten sich unse­re Wege, als wir 2018 zum Wett­be­werb für das Denk­mal für die Fami­lie Mann ein­ge­la­den waren — und er dort beim Kol­lo­qui­um punkt­ge­nau Fra­gen stell­te — auch die nach der Rol­le von Hein­rich Mann, und, soweit ich mich erin­ne­re, auch nach der Mög­lich­keit des Fun­da­men­tie­rens. Dass dies­mal nicht er, Pro­fi für Kunst im öffent­li­chen Raum, son­dern ich, als New­co­mer, gewann, mit dem Ent­wurf für Stra­ßen Namen Leuch­ten, focht ihn nicht an — er gra­tu­lier­te mir.

An sei­ne Tablet­ten erin­ne­re ich mich, die er per­for­ma­tiv vor sich aus­schüt­te­te und abzähl­te, an sei­ne Jacken­ta­sche, unwei­ger­lich mit einer Samm­lung von Stiften.

Dann hat­te ich ihn bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung des Deut­schen Künst­ler­bun­des in Ber­lin, 2023 gese­hen und ein­mal mehr als streit­ba­ren Künst­ler mit hohem Unter­hal­tungs­wert erleb­te, der kei­ne Scheu hat­te, Kol­le­gen scharf anzu­grei­fen. Und ihm ein Exem­plar von “Books to Do” gege­ben, das ich ihm, der Büchern gro­ßen Respekt ent­ge­gen­brach­te und sie gern geschützt wis­sen woll­te, man­gels Tasche in einen Müll­beu­tel ein­schlug, den er sich dann unter den Arm klemmte. 

Zum letz­ten Mal sah ich ihn der Aus­stel­lung “Com­bo” des Deut­schen Künst­ler­bunds 2025 mit der Seces­si­on in Mün­chen. Da war er von einem Unfall gezeich­net, aber wie gewohnt zäh. Er drang dar­auf, einen Kata­log der Aus­stel­lung mit­neh­men zu kön­nen und in den Roll­kof­fer zu packen. Ver­ständ­lich: Sei­ne Arbeit war pro­mi­nent auf dem Cover zu sehen, und auch auf Ein­la­dungs­kar­te und Ban­ner zur Aus­stel­lung. Bücher, Kata­lo­ge, Gedruck­tes war für ihn eine Form des Nach-und Weiterlebens. 

Zufäl­lig traf ich 2021 bei mei­nem Auf­ent­halt im Künst­ler­dorf Schöp­pin­gen nachts auf sei­ne Skulp­tur “Auf das Leben”, mit dem inte­grier­ten Geräusch sei­nes Herz­schlags — und dach­te: hier ist er also auch wieder!

Timm Ulrichs hat immer schon sein Ende, den Schritt dar­über hin­aus und die Nach­welt im Blick gehabt. Inso­fern schlä­ge sein Herz noch, lebt er weiter.

Nach­dem am 30.4., also einen Tag nach Timm Ulrichs, auch Georg Base­litz ver­stor­ben ist, scheint sich Ulrichs Befürch­tung, ande­re Künst­ler könn­ten ihm sei­ne Ideen klau­en, ein­mal mehr bestä­tigt zu haben, eine Vol­te die Holm Frie­be in den Raum gestellt hat — wor­über ich trotz der Trau­er lachen musste.

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