Symposium, „Collecting Collections“, in der Galerie im Rathaus Lichtenberg.
Der „Exilort“ des Kunstvereins Tiergarten ist besser als gedacht, es gibt ziemlich viel Platz, mehrere Räume. Und er liegt nahe an der S/U‑Bahn Frankfurter Tor. Vom Wedding aus aber trotzdem die bekannten Berliner 40 Minuten. Da Leute hinzubekommen, wird nicht so einfach sein.
Das Thema des Symposiums interessiert mich natürlich. Ein weit gespannter Bogen von Sammlungen: die Sammlung von Pflanzen aus Vietnam durch einen Künstler, ausgestellt einmal im Kunstverein Tiergarten, die von Arbeiten eines mit 27 Jahren verstorbenen queeren Künstlers, die informellen von feministischen Initiativen, bei der die Materialität eine eigene Bedeutung bekommt, dann die institutionelle Sammlung, das Archiv der Landesbildstelle Berlin. Hier die Frage: Ab wann ist etwas eine Sammlung, wann ein Archiv? Wie sind Zugänge gestaltet? Zeige dann drei handgeschriebene Kataloge von Bruno Schröder, dem Buchsammler in Mettingen, die Listen der Taschenbücher, die er hat oder die noch fehlen, nach Verlagen geordnet. Alle finden es toll, dann aber wird vor allem das zwanghafte, nerdige, pathologische an dieser Art des Verzeichnens gesehen. Wobei bei mir die Faszination durch die Konsequenz des Aufzeichnens, die Materialität und die Geschichte dahinter überwiegt. Vergleiche mit Hanne Darboven werden angestellt.
Veronika Witte zeigt einen Stein aus ihrer Sammlung von Kunst, aus einer Installation von Ai Wei Wie in der Tate Gallery London, wo Millionen von handbemalten Keramiksteinen den Boden bedeckten. Das Mitnehmen durch Besucher war wohl schon vorher einkalkuliert, so dass sich das Werk und die Erinnerung daran verteilt, an zahlreiche Orte und Haushalte.
30.4.26, Donnerstag
Mache mich auf die Suche nach russischem Hörmaterial. Gar nicht so einfach. Stoße auf Gedichte von Alexander Puschkin, u.a. sein „Exegi monumentum“. Was für ein Selbstbewusstsein! Er, der russische Horaz! Das frappiert mich, dieses von sich selbst Überzeugtsein. Seinen Nachruhm, seine ewige Dauer bereits einkalkulieren. Geht es nicht auch eine Nummer kleiner? Kein zeitgenössischer Künstler würde das heute von sich sagen, und ich natürlich auch nicht. Aber das ist 19. Jahrhundert, und man kann sich fragen, in wie weit sich beides beeinflusst hat, Selbstbewusstsein, die Vorhersage des Ruhmes und die Rezeption, der Ruhm selbst. Eine self fulfilling prophecy? Braucht es dieses Pathos, diese hohe Auffassung von Dichtung und Kunst, um etwas zustande zu bringen – und um als solche rezipiert zu werden? Das frage ich mich immer wieder in der Kunstauffassung, gerade des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Und von der Rezipentenseite her gedacht: Es schmeichelt dem Leser natürlich auch, wenn er sich gerade in diesem Gedicht als Bestandteil der großen Gemeinschaft des (russischen) Volkes fühlen kann, der Sprachgemeinschaft, die da beschworen wird, die über Räume und Zeiten hinausgeht, ihrerseits ewig ist. Und das Vertrauen in die Verbreitung im Volk, in allen Schichten.
