Besuche Veronica Radulovic in ihrem Atelier im Prenzlauerberg. Sie berichtet mir vom Tode Timm Ulrichs gestern, am 29.4. „Was!“ entfährt es mir überrascht. Hätte ihn gerne einmal in seinem Berliner Atelier besucht. Dazu wird es nicht mehr kommen.
Seinen Arbeiten und ihm selbst bin ich wiederholt begegnet. Und war immer wieder überrascht von Ideenreichtum, (Sprach)Witz, Konsequenz und Einsatz für sein Werk.
Immer wieder sah ich Arbeiten, bei denen ich mir dachte, dass ich die Idee gerne auch selbst gehabt hätte. Etwa 2010, als er an der Großen Kunstausstellung im Haus der Kunst mit dem Titel „Im Haus“ teilnahm – mit einer Installation aus Büchern, so ineinandergesteckt, dass sich die Formen von Häusern ergaben. Und nichts dem Zufall überließ: Die “Häuser” waren streng geometrisch angeordnet, im Kreis, die Bücher einheitlich rot, wie Ziegel, und die Titel korrspondierten mit dem Inhalt.
Genial fand ich seine lakonischen Arbeiten mit Text, Zeichen und Sprache, z.B. “A≠a”, in der Ausstellung “Sagen und Zeigen — Schrift in der Kunst” in der Villa Dessauer in Bamberg 2015, die Notburga Karl kuratiert hatte, oder seine Anagramm-Arbeiten, wie “AUGEN — GENAU” in seiner großen Retrospektive 2020 in der Akademie der Künste Berlin.
Zur Ausstellung “Pause (Prelude)”, die ich 2018 mit Alexander Steig und Courtenay Smith für den Künstlerverbund im Haus der Kunst kuratierte, steuerte er eine Soundarbeit bei, Pausenzeichen von Radiosendern, zu einem minimalistisch-konkreten Hörstück zusammengeschnitten.
Im Zusammenhang mit der Ausstellung bekam ich einen schönen maschinengeschriebenen Brief von ihm, den ich eingescant habe und jetzt auf meinem Rechner wiederfinde. Schon der Absender herrlich doppelbödig: “Kunstbetrieb Timm Ulrichs”. Die Anrede “Lieber Herr Coers” war ausgestrichen und durch das persönlichere “Lieber Albert Coers” ersetzt.
Dann kreuzten sich unsere Wege, als wir 2018 zum Wettbewerb für das Denkmal für die Familie Mann eingeladen waren — und er dort beim Kolloquium punktgenau Fragen stellte — auch die nach der Rolle von Heinrich Mann, und, soweit ich mich erinnere, auch nach der Möglichkeit des Fundamentierens. Dass diesmal nicht er, Profi für Kunst im öffentlichen Raum, sondern ich, als Newcomer, gewann, mit dem Entwurf für Straßen Namen Leuchten, focht ihn nicht an — er gratulierte mir.
An seine Tabletten erinnere ich mich, die er performativ vor sich ausschüttete und abzählte, an seine Jackentasche, unweigerlich mit einer Sammlung von Stiften.
Dann hatte ich ihn bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Künstlerbundes in Berlin, 2023 gesehen und einmal mehr als streitbaren Künstler mit hohem Unterhaltungswert erlebte, der keine Scheu hatte, Kollegen scharf anzugreifen. Und ihm ein Exemplar von “Books to Do” gegeben, das ich ihm, der Büchern großen Respekt entgegenbrachte und sie gern geschützt wissen wollte, mangels Tasche in einen Müllbeutel einschlug, den er sich dann unter den Arm klemmte.
Zum letzten Mal sah ich ihn der Ausstellung “Combo” des Deutschen Künstlerbunds 2025 mit der Secession in München. Da war er von einem Unfall gezeichnet, aber wie gewohnt zäh. Er drang darauf, einen Katalog der Ausstellung mitnehmen zu können und in den Rollkoffer zu packen. Verständlich: Seine Arbeit war prominent auf dem Cover zu sehen, und auch auf Einladungskarte und Banner zur Ausstellung. Bücher, Kataloge, Gedrucktes war für ihn eine Form des Nach-und Weiterlebens.
Zufällig traf ich 2021 bei meinem Aufenthalt im Künstlerdorf Schöppingen nachts auf seine Skulptur “Auf das Leben”, mit dem integrierten Geräusch seines Herzschlags — und dachte: hier ist er also auch wieder!
Timm Ulrichs hat immer schon sein Ende, den Schritt darüber hinaus und die Nachwelt im Blick gehabt. Insofern schläge sein Herz noch, lebt er weiter.
Nachdem am 30.4., also einen Tag nach Timm Ulrichs, auch Georg Baselitz verstorben ist, scheint sich Ulrichs Befürchtung, andere Künstler könnten ihm seine Ideen klauen, einmal mehr bestätigt zu haben, eine Volte die Holm Friebe in den Raum gestellt hat — worüber ich trotz der Trauer lachen musste.
