Bücher, Rie­gel, Bil­dungs­bür­ger – und die Fami­lie Mann. E‑Mail-Dia­log Jörg Schel­ler – Albert Coers, 2020

E‑Mail-Wech­sel zwi­schen Jörg Schel­ler, Kunst­wis­sen­schaft­ler, Jour­na­list, Musi­ker und Albert Coers, Mai ‑Sep­tem­ber 2020. 

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Lie­ber Albert,

wenn ein Leit­me­di­um in die Jah­re kommt, wird es zu Mate­ri­al. Von sei­ner Funk­ti­on des Ver­mitt­lers ent­bun­den, kann es neu ver­ar­bei­tet wer­den, neue For­men anneh­men, in unge­wohn­te Kon­tex­te über­führt wer­den. Über die Avant­gar­de­künst­ler des frü­hen 20. Jahr­hun­derts schrieb Peter Bür­ger, die­se begrif­fen ihr Mate­ri­al, zum Bei­spiel Schnip­sel des Medi­ums Zei­tung, als „lee­res Zei­chen“. Die­ses ver­such­ten sie mit neu­en Bedeu­tun­gen zu befül­len – ein Ver­fah­ren, das immer noch aktu­ell ist. In einer Arte-Doku­men­ta­ti­on zieht Jona­than Mee­se Hei­deg­gers Sein und Zeit aus dem Regal und bekennt, das Buch nie gele­sen zu haben. Er brau­che es auch nicht zu lesen. Er fän­de das Buch so toll. Er küsst das Buch, strei­chelt das Buch. Auch hier also: Das eins­ti­ge Leit­me­di­um Buch ist nicht mehr Über­brin­ger einer spe­zi­fi­schen Bot­schaft, son­dern frei form­ba­res Mate­ri­al des Künst­lers. In Dei­ner bis­he­ri­gen künst­le­ri­schen Arbeit mit Büchern sehe ich eine Wei­ter­füh­rung wie auch eine Abwei­chung von die­ser – ein para­do­xer Begriff! – Avant­gar­de-Tra­di­ti­on. Einer­seits zweck­ent­frem­dest Du Bücher als künst­le­ri­sches Mate­ri­al, etwa als Bau­stei­ne für Instal­la­tio­nen. Ande­rer­seits ist es Dir gera­de nicht dar­um zu tun, die geschicht­li­che Ver­bin­dung zwi­schen Medi­um und Bot­schaft mit gro­ßer avant­gar­dis­ti­scher Ges­te zu durch­tren­nen, sie radi­kal zu über­win­den. Du schwingst Dich nicht zum Sou­ve­rän über das Medi­um-Mate­ri­al auf. Viel­mehr ist die ursprüng­lich durch das Medi­um zu ver­mit­teln­de Bot­schaft als Kon-Text wei­ter­hin prä­sent; ich den­ke etwa an die Instal­la­ti­on RIE­GEL, 2019, in Berlin.

Lie­ber Jörg,

dan­ke, dass Du mich da in den Zusam­men­hang der Avant­gar­den stellst! Ange­fan­gen habe ich ja mit Instal­la­tio­nen im pri­va­tem Wohn- bzw. Ate­lier-Umfeld, mit eige­nen Büchern und zunächst wenig dar­über nach­ge­dacht, was es da für Hand­lungs­mus­ter, Tra­di­tio­nen etc. gibt. Ab einem gewis­sen Punkt, viel­leicht, als der Eifer des Machens sich abge­kühlt und ich öfter aus­ge­stellt hat­te, habe ich dann doch recher­chiert, was es alles an Umgang mit dem Medi­um schon gab und ver­sucht, das auch theo­re­tisch zu reflek­tie­ren (da gibt es einen Buch­bei­trag „Zweck­ent­frem­dun­gen des Buches“ und zu „Buch­zer­stö­rung“). Da sind etwa Aktio­nen von John Lat­ham, der in den 1960er Jah­ren Lexi­ka vor dem Bri­tish Muse­um ver­brennt, als Affront gegen das Bil­dungs-Estab­lish­ment, Objek­te und Instal­la­tio­nen, wo Bücher gena­gelt, ein­ge­mör­telt etc. wer­den. Das hat­te alles sei­ne Berech­ti­gung, vie­les kommt mir aber schlecht geal­tert oder auch zu platt vor. Näher sind mir da die Buch­in­stal­la­tio­nen von Peter Wüth­rich oder Matej Kren. Dass man Bücher lieb­kost, wie es Mee­se tut, ist da ein neue­res Phä­no­men, und natür­lich auch ein pro­vo­kan­tes show-off, zumal es um Hei­deg­ger geht… Dabei fällt mir ein, ich hat­te vor län­ge­rer Zeit einen korea­ni­schen Künst­ler ken­nen­ge­lernt, Ma Wen, der Bibeln Sei­te für Sei­te strei­chel­te, küss­te, sie aber auch zer­riss, zerkaute …

Ja, der Kon­text ist mir wich­tig, sonst besteht die Gefahr der Belie­big­keit. Die Her­aus­for­de­rung ist, Zusam­men­hän­ge, Pas­sun­gen her­zu­stel­len. Wobei der Kon­text nicht nur in der Bot­schaft des Medi­ums besteht, son­dern im gan­zen Drum­her­um, dem Anlass, eine Arbeit zu machen, in der Archi­tek­tur, in der Funk­ti­on der Räu­me, was es dort für evtl. bereits exis­tie­ren­de Samm­lun­gen gibt, was dort pas­siert etc.

Da war die Ein­la­dung von Susann Unger, Betrei­be­rin des Kunst­rau­mes Die Baecke­rei in der Gotz­kow­sky­stra­ße in Ber­lin-Moa­bit eine schö­ne Gele­gen­heit. Denn hier gab es einen Raum vol­ler Atmo­sphä­re, die ehe­ma­li­ge Bäcke­rei Sei­den­schnur, bei der ich, wohn­haft zwei Häu­ser wei­ter, selbst öfters ein­ge­kauft hat­te. Dann Susanns Samm­lung zum The­ma ‚Food’ in wei­te­rem Sinn, Koch­bü­cher, kuli­na­ri­sche Rei­se­füh­rer, Lehr­bü­cher für das Hote­lier- und Gast­stät­ten­ge­wer­be, Food-Maga­zi­ne, etwa das deut­sche Beef!. Das ist ja auch die Aus­rich­tung des Rau­mes, in Anknüp­fung an die vor­her­ge­hen­de Nut­zung als Bäcke­rei. Da haben unter ande­rem Erik Stein­bre­cher oder Tho­mas Rent­meis­ter aus­ge­stellt, die dezi­diert auf das The­ma Nah­rung abhe­ben. Beim mir war das bis­lang nicht der Fall, viel­leicht, weil ich sel­ber nicht beson­ders aus­gie­big und erfolg­reich koche (heu­te Mit­tag ist mir ein Topf Reis ange­brannt). Ich dach­te aber schon län­ger an die Mög­lich­keit, mit Koch­bü­chern zu arbei­ten, etwa denen mei­ner Eltern (mein Vater hat mei­ner Mut­ter oft Koch­bü­cher geschenkt, was Auf­for­de­rungs­cha­rak­ter hat­te, mit ent­spre­chen­den Wid­mun­gen). Und hier war jetzt die Gelegenheit!

Lie­ber Albert,

das The­ma Nah­rung ist dahin­ge­hend ein amü­san­tes, dass Ernäh­rungs­fra­gen heu­te eine reli­giö­se Dimen­si­on attes­tiert wird. Die drei gro­ßen mono­the­is­ti­schen Reli­gio­nen sind Buch­re­li­gio­nen. Ihre hei­li­gen Schrif­ten bie­ten mora­li­sche Ori­en­tie­rung, stel­len Gebo­te und Ver­bo­te auf, set­zen nicht zuletzt Tabus. Es ist zwar kei­ne beson­ders ori­gi­nel­le The­se, aber viel­leicht fin­den wir ja Spu­ren des reli­giö­sen Bedürf­nis­ses nach Ori­en­tie­rung, Ord­nung und Rein­heit in heu­ti­gen für spe­zi­fi­sche Iden­ti­täts­grup­pen ver­fass­ten Koch­bü­chern – hier eine kuli­na­ri­sche Ord­nung für den Paleo-Adep­ten, hier eine kuli­na­ri­sche Ord­nung für die Vega­ne­rin… Als Nicht-Koch müss­te man Dich den Agnos­ti­kern, wenn nicht gar den Athe­is­ten zurech­nen, was wie­der­um ganz gut zur geläu­fi­gen The­se, dass das moder­ne Kunst­sys­tem eine Fol­ge der Säku­la­ri­sie­rung wie auch der Säku­la­ri­sa­ti­on ist, pas­sen wür­de. Any­way! Wie bist Du die Arbeit an RIE­GEL angegangen?

Lie­ber Jörg,

Ich habe viel aus­pro­biert und am Ende eine Serie von Instal­la­tio­nen ent­wi­ckelt, die, das war mir dies­mal wich­tig, eine gewis­se Leich­tig­keit hat­ten, kei­ne Mate­ri­al­schlacht waren. Ein tol­les Ein­rich­tungs­stück im Raum ist die alte Laden­vi­tri­ne. Die habe ich zunächst befüllt mit Lagen von auf­ge­schla­ge­nen Büchern mit lecke­ren Fotos, Schlacht­plat­ten, Büf­fets der 50er/60er Jah­re, wie Blät­ter­teig oder Lagen von Schin­ken (sie­he auch die Bezeich­nung „Schin­ken“ für dicke, alte Bücher). Hier waren dann nur noch die Bil­der prä­sent, das Essen selbst abwesend.

Das war aber immer noch zuviel, und ich habe wei­ter redu­ziert. Vie­le der Bücher stamm­ten aus zwei­ter Hand, hat­ten geschrie­be­ne Preis­schil­der auf­ge­klebt. Die Bücher habe ich dann nach ihrem Preis sor­tiert, mit dem Cover nach oben. Das war bes­ser, aber immer noch zuviel – und schließ­lich habe ich nur eini­ge der Schild­chen in die Vitri­ne gelegt, sozu­sa­gen als Stell­ver­tre­ter der Bücher. Dadurch kam deren Waren­cha­rak­ter zum Tra­gen, denn in der Vitri­ne lagen zu Bäckers­zei­ten ja auch mit Prei­sen aus­ge­zeich­ne­te Waren aus. Die klei­nen auf­ge­roll­ten Kle­be­schild­chen ent­wi­ckel­ten ein Eigen­le­ben, wur­den zu Minia­tur­skulp­tu­ren, zudem so klein, dass man sie erst auf den zwei­ten Blick wahr­nahm. Viel mini­ma­lis­ti­scher ging es kaum.

Der Namens­ge­ber für RIE­GEL aber war die Instal­la­ti­on von quer in den Zwi­schen­raum der Griffstan­ge der Tür geklemm­ten Büchern, was ein Auf­zie­hen der Tür von außen unmög­lich mach­te. Das war zunächst eine spon­ta­ne, ein­fa­che Ges­te, nahe­lie­gend. Denn der Raum soll­te, das war eine Vor­ga­be von Susann, wäh­rend der Aus­stel­lung nicht betret­bar, son­dern nur durch das Schau­fens­ter ein­zu­se­hen sein. Ich hat­te ja schon mehr­fach Räu­me und Fens­ter mit Büchern ver­schlos­sen, und sowas war zunächst auch ange­dacht; ich woll­te mich aber nicht wie­der­ho­len, und war ganz glück­lich, als ich auf die Lösung kam. Außer­dem pass­te „Rie­gel“ auch zum Food-Kon­text, sie­he Schoko‑, Müs­li- etc. ‑rie­gel, und zur quer­lie­gen­den Form der nach ihrem Preis sor­tier­ten Bücher am Boden …

Wei­ter hin­ten gab es eine zwei­te, noch ein­fa­che­re Ver­rie­ge­lung bzw. Sper­re, ein Buch, das als Keil zwi­schen Boden und Unter­kan­te der rück­wär­ti­gen Tür geklemmt war, so, dass die Tür einen Spalt geöff­net war, ander­seits blo­ckiert, als Abschluss der Serie von Instal­la­tio­nen. Das Buch war von den Dimen­sio­nen und vom Titel her bewusst gewählt: Das Wort „mühe­los“ als Anfang des Buch­ti­tels stand im Wider­spruch zum Akt des Ver­kei­lens und zur Ener­gie, die nötig war, um die Türe zu öffnen.

Lie­ber Albert,

gehe ich recht in der Annah­me, dass sich hin­ter dem Ver­schlie­ßen von Räu­men mit Hil­fe von Büchern ein Sei­ten­hieb gegen bil­dungs­bür­ger­li­che Kli­schees ver­birgt? Um Bücher wur­de ja lan­ge Zeit ein veri­ta­bler Kult im Kul­turmar­ke­ting getrie­ben: Bücher füh­ren uns in neue Wel­ten, Bücher erwei­tern den Hori­zont, Bücher erschlie­ßen uns unbe­kann­te Räu­me! Das ist medi­en­theo­re­tisch betrach­tet zwar äußerst unter­kom­plex, ja irre­füh­rend, ver­mö­gen doch auch ande­re Medi­en dies. Aber mit dem Bür­ger­tums­for­scher Peter Gay gespro­chen, haben Vor­stel­lun­gen „nicht gerin­ge­ren Wirk­lich­keits­ge­halt als die nack­tes­te Empi­rie“. Du hin­ge­gen ver­schließt nicht nur Bücher, indem Du sie inein­an­der ver­keilst. Du ver­un­mög­lichst auch den Zugang zur Welt hin­ter den Büchern, lässt sie zu Mau­ern, Bar­rie­ren, Hin­der­nis­sen wer­den. In die­sem Zusam­men­hang inter­es­siert mich Dei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit der Tra­di­ti­on des Bil­dungs­bür­ger­tums, die sich als roter Faden durch Dei­ne Arbeit zieht. Was war die­ses alt­eu­ro­päi­sche Bil­dungs­bür­ger­tum, was inter­es­siert Dich dar­an und wel­che Bedeu­tung hat es für unse­re trans­kul­tu­rel­le, glo­ba­li­sier­te Gegenwart?

Lie­ber Jörg,

das war, vor allem in den ers­ten Buch­in­stal­la­tio­nen, sicher ein Aspekt, da kam aber Lust an der Zweck­ent­frem­dung, am plas­ti­schen Ein­satz, an der Akti­vie­rung von Mate­ri­al hin­zu. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Buch­me­di­um und damit impli­zit dem Bil­dungs­bür­ger­tum war die mit mei­nem bio­gra­phi­schen Hin­ter­grund. Da hät­ten wir das Inter­es­se. Ich stam­me ich aus einem Haus­halt, den Bücher und Gedruck­tes domi­nier­ten: alles voll davon, über­all Rega­le; über den Türen, über dem Bett. Gesam­melt hat das mein Vater, Kunst­leh­rer. Wenn es eine Per­so­ni­fi­ka­ti­on des Bil­dungs­bür­gers gibt, dann ist er das. Beim Essen wur­den stän­dig Lexi­ka bemüht, der Brock­haus, der Mey­er. Einer­seits fand und fin­de ich das toll, ander­seits war mir das Pathos dann auch wie­der zuviel. Und da steck­te eine päd­ago­gi­sche Absicht dahin­ter: Zum Geburts­tag und zu Weih­nach­ten gab’s einen dicken Band, das Ull­stein-Lexi­kon der Musik z.B., den Rei­ners (Gedich­te) oder auch den monu­men­ta­len Leo­nar­do da Vin­ci von Taschen. Inso­fern steckt da ein Akt der Distan­zie­rung dahin­ter, der Eman­zi­pa­ti­on von Ansprü­chen, Erwar­tun­gen, Ein­fluss­nah­me. Im Sin­ne von „Kill your idols“.
Was das alt­eu­ro­päi­sche Bil­dungs­bür­ger­tum war… „Ein wei­tes Feld“.

Im Begriff steckt, dass Bil­dungs­wis­sen und Tätig­keit auf Gebie­ten wie Wis­sen­schaft, Lite­ra­tur, Musik, als Aus­weis der Zuge­hö­rig­keit zu einer geho­be­nen, eben bür­ger­li­chen Gesell­schafts­schicht zählt, nicht Geburt oder mate­ri­el­ler Besitz bzw. Ein­kom­men. Also hät­te Bil­dung ein eman­zi­pa­to­ri­sches Poten­ti­al, sie­he z.B. die Figur Anton Rei­ser. Dazu kommt ein spe­zi­fisch in Deutsch­land im 18. Jh. gepräg­ter, auf das Sub­jekt ori­en­tier­ter Bil­dungs­be­griff. Inter­es­sant auch, dass es für „Bil­dungs­bür­ger­tum“ kei­ne so rich­tig pas­sen­de Über­set­zung gibt („edu­ca­ted midd­le class“?). Die­ses eman­zi­pa­to­ri­sche Poten­ti­al fin­de ich auch in der Gegen­wart beach­tens­wert. Wei­ter gefällt mir die Idee von zweck­frei­er, nicht unmit­tel­bar ver­wert­ba­rem Wis­sen und Kön­nen. Und, bezo­gen auf das „alt­eu­ro­pä­isch“ (wobei man sich noch unter­hal­ten könn­te, was das heißt), die Idee, dass es da einen euro­päi­schen, trans­na­tio­na­len Zusam­men­hang gibt …

Dann gibt es aber auch eine kri­ti­sche Stoß­rich­tung des Begriffs: „bil­dungs­bür­ger­lich“ im Sinn von auf einen über­kom­me­nen Bil­dungs­ka­non, eine Atti­tü­de bezo­gen. Mir ist es noch im Ohr, wie Heri­bert Sturm, Ex-Pro­fes­sor an der Kunst­aka­de­mie, mir ein­mal halb scherz­haft sag­te, als ich einer Arbeit, eine Figur in einem Apo­the­ker­glas, den Titel Homun­ku­lus gab, in Anspie­lung auf den Faust: „Er ist ein alter Bil­dungs­bür­ger“. Der Begriff „Bil­dungs­bür­ger“ selbst stammt vom Anfang des 20. Jahr­hun­derts – als die Figur kri­tisch reflek­tiert und eher nega­tiv besetzt wur­de, was sich dann in den 60er Jah­ren fort­setz­te. Da schwingt mit Kri­tik an einem nor­ma­tiv-exklu­si­ven Bil­dungs­be­griff, an man­geln­der Resi­li­enz gegen­über der NS-Ideo­lo­gie, die Ver­schmel­zung mit dem Staats­tra­gend-Eta­blier­ten-Bour­geoi­sen. Mit dem Nor­ma­ti­ven ver­bin­det sich die Vor­stel­lung eines Habi­tus, des Ober­leh­rer­haf­ten – sie­he auch mein Vater, des­sen Berufs­be­zeich­nung tat­säch­lich „Fach­ober­leh­rer“ war….

Lie­ber Albert,

auch eine Dei­ner jüngs­ten Arbei­ten steht im Kon­text des Bil­dungs­bür­ger­tums: Im Jahr 2018 hast Du den Wett­be­werb des Kul­tur­re­fe­rats Mün­chen für ein Denk­mal im öffent­li­chen Raum für die Fami­lie des Schrift­stel­lers Tho­mas Mann gewon­nen. Wie kaum ein ande­rer stellt Mann eine, gleich­wohl immer schon umstrit­te­ne, Refe­renz- und Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur des deut­schen Bil­dungs­bür­ger­tums bezie­hungs­wei­se sei­ner Rest­be­stän­de dar. Mann kri­ti­sier­te den NS zwar offen in Tex­ten, Vor­trä­gen und Radio­an­spra­chen. Im deut­schen Wider­stand wirk­te er jedoch nicht aktiv mit, son­dern emi­grier­te in die USA. Sei­ne Bücher wur­den von den Nazis nicht ver­brannt. Beschlie­ßen wir unser Gespräch also mit dem Poli­ti­schen: Tra­gen Künst­ler aus Dei­ner Sicht eine beson­de­re poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung, inso­fern sie sich und ihr Werk in der Öffent­lich­keit expo­nie­ren? Oder könn­te man im Gegen­teil argu­men­tie­ren, Künst­ler trü­gen eine beson­de­re Form der Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, was sie impli­zit zum Ärger­nis illi­be­ra­ler Regime mache, da die­se nach Kon­trol­le streb­ten und im Grun­de nur „embed­ded artists“ akzep­tier­ten? Ange­sichts der in Tei­len der Welt sich abzeich­nen­den, popu­lis­tisch-auto­ri­tä­ren „Gro­ßen Regres­si­on“ (Hein­rich Gei­sel­ber­ger) sind dies drän­gen­de Fra­gen. Wei­ters wür­de mich inter­es­sie­ren, was es mit der Wür­di­gung von Eli­sa­beth Mann und Katia Mann ver­mit­tels Dei­nes Denk­mals auf sich hat. Steht die­se im Zusam­men­hang einer län­ge­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit eman­zi­pa­to­ri­schen und femi­nis­ti­schen Anlie­gen, oder wur­dest Du von den aktu­el­len Ereig­nis­sen rund um #MeToo inspiriert?

Lie­ber Jörg,

Ja, genau, die Fami­lie Mann fiel mir im Zusam­men­hang mit Bil­dungs­bür­ger­tum auch ein. Da hät­ten wir den Über­gang von einer Kauf­manns­fa­mi­lie, also Besitz­bür­ger­tum, zu einer, in der fast alle in irgend­ei­ner Wei­se schrei­bend, musi­ka­lisch, aka­de­misch unter­wegs sind. Tho­mas Mann hat den Pro­zess sozia­ler Ver­än­de­rung reflek­tiert, etwa in den Bud­den­brooks, wenn auch unter nega­ti­ven Vor­zei­chen, als Ver­falls­ge­schich­te. Wobei bei ihm selbst Bil­dungs- und Besitz­bür­ger­tum dann doch wie­der zusam­men­ka­men, er selbst als „noto­ri­scher Vil­len­be­sit­zer“, wie ihn Brecht genannt hat. Und sei­ne Wand­lung vom Natio­nal-Kon­ser­va­ti­ven hin zu Sozi­al­de­mo­kra­tie und Sozia­lis­mus ist eine span­nen­de, nicht wider­spruchs­freie Geschich­te. Kürz­lich war ich in der Aus­stel­lung Tho­mas Mann: Demo­cra­cy will win! im Lite­ra­tur­haus Mün­chen, wo es eben um den poli­ti­schen Schrift­stel­ler Mann geht. Dabei hing auch groß das Label „Ver­ant­wor­tung“ als Objekt im Raum.

Ob Künst­ler all­ge­mein eine beson­de­re poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung haben? Wie Du schreibst, las­sen sich sowohl dafür Argu­men­te fin­den als auch für „Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit“. Im Zwei­fel wäre ich bei letz­te­rer. Ich wür­de Künst­lern nicht all­ge­mein eine beson­de­re poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung zuwei­sen (im Sinn von Auf­grei­fen von The­men), son­dern das jedem selbst über­las­sen, inwie­weit das eine Not­wen­dig­keit ist und sich auch aus dem Werk­zu­sam­men­hang ergibt. Denn ihrer Arbeit sind Künst­ler pri­mär ver­ant­wort­lich. In dem Sinn hat sich auch Tho­mas Mann geäu­ßert. Kon­kre­ter wird es, wenn sich Künst­ler für die Ver­bes­se­rung der Arbeits- und Aus­stel­lungs­be­din­gun­gen ein­setz­ten, also im wei­te­ren Sinn kul­tur­po­li­tisch tätig sind, in Berufs­ver­bän­den, Inter­es­se­ge­mein­schaf­ten, Ver­ei­nen. Ich den­ke hier z.B. an die Initia­ti­ven zum Erhalt von Ate­lier­räu­men, etwa der Ufer­hal­len in Ber­lin, und da an Peter Dobrosch­ke, der sich sehr engagiert.

Lie­ber Albert,

freut mich, dass Du dich eher auf der Sei­te der ‚Ver­ant­wor­tungs­lo­sen’ fin­dest – ich bin da bei Max Frisch, der zwi­schen Bür­ger und Künst­ler dif­fe­ren­zier­te. Als Künst­ler offen, poe­tisch, kri­tisch, kon­tro­vers, nichts und nie­man­dem ver­pflich­tet, als Bür­ger in der Ver­ant­wor­tung, ins­be­son­de­re auch der politischen.

Lie­ber Jörg,

noch zur Ver­ant­wor­tung und zum Poli­ti­schen: Mir ist in Erin­ne­rung „Seid Sand, nicht das Öl im Getrie­be der Welt“ (Gün­ter Eich). Wenn man etwas macht, was Abläu­fe stört, sich nicht glatt ein­fügt. Das kann man poli­tisch bezie­hen oder auch räum­lich. „Skulp­tur ist das, was im Weg steht“ hat Kas­par König mal gesagt, und dabei vor allem Kunst im öffent­li­chen Raum gemeint – was ich schon pas­send fin­de, gera­de auch im Bezug auf das Mann-Denk­mal. Eine gewis­se Sper­rig­keit fin­de ich nicht schlecht.

Was die Ver­ant­wor­tung bei Kunst im öffent­li­chen Raum angeht: Dort sind The­men und Spiel­räu­me ja meist abge­steckt, man reagiert auf etwas. Da mit­zu­ma­chen, sich auf etwas ein­zu­las­sen, ist natür­lich bereits eine „poli­ti­sche“ Ent­schei­dung. Dann aber geht es um ein Aus­ta­rie­ren zwi­schen Vor­ga­ben, Erwar­tun­gen und den eige­nen Inter­es­sen und Ideen, der „Ver­ant­wor­tung“ wenn man so will, gegen­über einem selber.

Dass auch Eli­sa­beth Mann-Bor­ge­se und Katia mit­tels Stra­ßen­schil­der beim Denk­mal dabei sind, ist schon in der Aus­schrei­bung ange­legt, in der es nicht nur um Tho­mas Mann, son­dern um die Fami­lie als Gan­zes gehen soll. Das ste­cken die von Dir ange­führ­ten Debat­ten natür­lich drin. Und gera­de in den letz­ten Jah­ren gab es eini­ge Stra­ßen, die man nach Frau­en der Fami­lie Mann benannt hat, etwa Eri­ka oder Eli­sa­beth. Der Fami­li­en­na­me ‚Mann’ dage­gen ver­weist para­do­xer­wei­se allein auf das männ­li­che Geschlecht. Da spielt bei mir auch ein sprach­li­ches Inter­es­se für Namen und ihre Bedeu­tung mit hinein.

Über die „rea­len“ Schil­der hin­aus ist mein Bei­trag, ein eige­nes Schild für Katia anfer­ti­gen zu las­sen, nach der nir­gends eine Stra­ße benannt ist. Den Blick auf die wenig beach­te­te „Frau Tho­mas Mann“ gelenkt zu haben, war das Ver­dienst einer Freun­din; sie hat mich z.B. auf Inge und Wal­ter Jens’ Bio­gra­phie Frau Tho­mas Mann – das Leben der Katha­ri­na Pringsheim und auf Vio­la Rog­gen­kamps Buch über Eri­ka Mann hin­ge­wie­sen – wie über­haupt Aus­tausch und Dis­kus­si­on Bestand­teil der Arbeit am Denk­mal ist …

Books, Bars, Edu­ca­ted Citi­zens – and the Mann Fami­ly. E‑mail Dia­lo­gue Jörg Schel­ler – Albert Coers, 2020

E‑mail exchan­ge bet­ween Jörg Schel­ler, art his­to­ri­an, jour­na­list, musi­ci­an and Albert Coers, May ‑Sep­tem­ber 2020

Dear Albert,

When a lea­ding medi­um is get­ting on in years, it beco­mes mate­ri­al. Relie­ved of its func­tion as a media­tor, it can be repro­ces­sed, take on new forms, be trans­fer­red into unfa­mi­li­ar con­texts. Peter Bür­ger wro­te about the avant-gar­de artists of the ear­ly 20th cen­tu­ry that they unders­tood their mate­ri­al, for examp­le snip­pets of the news­pa­per medi­um, as an “empty sign”. They tried to fill this with new mea­nings – a pro­cess that is still cur­rent. In an Arte docu­men­ta­ry, Jona­than Mee­se pulls Heidegger’s Being and Time from the shelf and con­fes­ses that he has never read the book. He does­n’t need to read it eit­her. He thought the book was so gre­at. He kis­ses the book, cares­ses the book. So here too: the for­mer lea­ding medi­um, the book, is no lon­ger the bea­rer of a spe­ci­fic mes­sa­ge, but the artist’s free­ly mal­le­ab­le mate­ri­al. In your artis­tic work with books so far, I see a con­ti­nua­tion as well as a devia­ti­on from this – a para­do­xi­cal term! – avant-gar­de tra­di­ti­on. On the one hand, you misu­se books as artis­tic mate­ri­al, for examp­le as buil­ding blocks for instal­la­ti­ons. On the other hand, you are not con­cer­ned with seve­ring the his­to­ri­cal con­nec­tion bet­ween medi­um and mes­sa­ge with a grand avant-gar­de ges­tu­re, with radi­cal­ly over­co­m­ing it. You don’t set yourself up as sov­er­eign over the medi­um-mate­ri­al. Rather, the mes­sa­ge ori­gi­nal­ly to be con­vey­ed through the medi­um con­ti­nues to be pre­sent as a con-text; I am thin­king, for examp­le, of the instal­la­ti­on RIE­GEL, 2019, in Berlin.

Dear Jörg,

Thank you for pla­cing me in the con­text of the avant-gar­de! I star­ted with instal­la­ti­ons in my pri­va­te home or stu­dio, with my own books, and at first I did­n’t think much about what pat­terns of action, tra­di­ti­ons etc. the­re were. At a cer­tain point, when the enthu­si­asm for making had coo­led down and I had exhi­bi­ted more often, I rese­ar­ched all the ways in which the medi­um had alrea­dy been used and tried to reflect on this theo­re­ti­cal­ly (the­re is an arti­cle in the book “Zweck­ent­frem­dun­gen des Buches” and on “Buch­zer­stö­rung”). The­re are, for examp­le, the actions of John Lat­ham, who bur­ned ency­clo­pa­edi­as in front of the Bri­tish Muse­um in the 1960s as an affront to the edu­ca­tio­nal estab­lish­ment, objects and instal­la­ti­ons whe­re books were nai­led, mor­ta­red, etc. All this had its jus­ti­fi­ca­ti­on, but much of it seems to me to have aged bad­ly or to be too flat. The book instal­la­ti­ons by Peter Wüth­rich or Matej Kren are clo­ser to me. Cares­sing books, as Mee­se does, is a more recent phe­no­me­non, and of cour­se also a pro­vo­ca­ti­ve show-off, espe­cial­ly sin­ce it’s about Hei­deg­ger… It occurs to me that a long time ago I met a Kore­an artist, Ma Wen, who cares­sed Bibles page by page, kis­sed them, but also tore them up, che­wed them …

Yes, the con­text is important to me, other­wi­se the­re is a dan­ger of arbi­tra­r­i­ne­ss. The chal­len­ge is to crea­te con­nec­tions, fits. Wher­eby the con­text is not only the mes­sa­ge of the medi­um, but the who­le sur­roun­ding, the rea­son for making a work, the archi­tec­tu­re, the func­tion of the rooms, what collec­tions might alrea­dy exist the­re, what hap­pens the­re, etc.

The invi­ta­ti­on from Susann Unger, owner of the art space Die Baecke­rei in Gotz­kow­sky­stra­ße in Ber­lin-Moa­bit, was a won­der­ful oppor­tu­ni­ty. For here the­re was a room full of atmo­s­phe­re, the for­mer bak­e­ry Sei­den­schnur, whe­re I, living two houses away, had often shop­ped mys­elf. Then the­re was Susann’s collec­tion on the sub­ject of ‘food’ in a broa­der sen­se, cook­books, culi­na­ry tra­vel gui­des, text­books for the hotel and restau­rant tra­de, food maga­zi­nes, such as the Ger­man Beef! That is also the ori­en­ta­ti­on of the space, in con­nec­tion with its pre­vious use as a bak­e­ry. Erik Stein­bre­cher and Tho­mas Rent­meis­ter, among others, have exhi­bi­ted the­re, focu­sing on the the­me of food. This has­n’t been the case for me so far, perhaps becau­se I don’t cook very exten­si­ve­ly or suc­cess­ful­ly mys­elf (I burnt a pot of rice at lunch today). But I’ve been thin­king for a while about the pos­si­bi­li­ty of working with cook­books, for examp­le tho­se of my par­ents (my father often gave my mother cook­books, which had a chal­len­ging cha­rac­ter, with appro­pria­te dedi­ca­ti­ons). And now here was the opportunity!

Dear Albert,

The topic of food is an amu­sing one in that nut­ri­tio­nal issu­es are nowa­days seen as having a reli­gious dimen­si­on. The three gre­at mono­the­istic reli­gi­ons are book reli­gi­ons. Their holy scrip­tures offer moral ori­en­ta­ti­on, set com­man­dments and pro­hi­bi­ti­ons, and, not least, set taboos. It’s not a par­ti­cu­lar­ly ori­gi­nal the­sis, but perhaps we can find traces of the reli­gious need for ori­en­ta­ti­on, order and puri­ty in today’s cook­books writ­ten for spe­ci­fic iden­ti­ty groups – here a culi­na­ry order for the Paleo adept, here a culi­na­ry order for the vegan… As a non-cook, you would have to be coun­ted among the agnostics, if not the athe­ists, which in turn would fit qui­te well with the com­mon the­sis that the modern art sys­tem is a con­se­quence of secu­la­ri­sing as well as secu­la­ri­sa­ti­on. Any­way! How did you approach the work on RIEGEL?

Dear Jörg,

I tried out a lot and ended up with a seri­es of instal­la­ti­ons that, this time it was important to me, had cer­tain light­ness, were not a batt­le of mate­ri­als. A gre­at pie­ce of fur­ni­tu­re in the room is the old shop show­ca­se. I first fil­led it with lay­ers of ope­ned books with deli­cious pho­tos, butcher’s pla­tes, buf­fets of the 50s/60s, like puff pas­try or lay­ers of ham (see also the term “ham” for thick, old books). Here, then, only the pic­tures were pre­sent, the food its­elf absent.

But that was still too much, and I redu­ced fur­ther. Many of the books were second-hand, had writ­ten pri­ce tags stuck on them. I then sor­ted them accord­ing to pri­ce – and put some labels in the show­ca­se, as a pro­xy for the books, so to speak. In this way, the cha­rac­ter of the goods came to the fore, becau­se in the baker’s time, goods with pri­ces were also dis­play­ed in the show­ca­se. The small rol­led-up adhe­si­ve labels took on a life of their own, beco­m­ing minia­tu­re sculp­tures, so small that they were only noti­ced at second glance. It could hard­ly be much more minimalist.

The eponym for RIE­GEL, howe­ver, was the instal­la­ti­on of books clam­ped cross­wi­se in the space bet­ween the door hand­les, which made it impos­si­ble to pull the door open from the out­side. At first, this was a spon­ta­ne­ous, simp­le ges­tu­re, obvious. Susann had spe­ci­fied that the room should not be acces­si­ble during the exhi­bi­ti­on, but only visi­ble through the shop win­dow. I had alrea­dy clo­sed off rooms and win­dows with books several times, and some­thing like that was also initi­al­ly plan­ned; but I did­n’t want to repeat mys­elf, and was qui­te hap­py when I came up with the solu­ti­on. Bes­i­des, “bar” also fit­ted the food con­text, see cho­co­la­te bars, mues­li bars, etc., and the trans­ver­se form. ‑bars, and to the trans­ver­se shape of the books sor­ted by pri­ce at the bottom …

Fur­ther back, the­re was a second, even simp­ler lock, a book that was wed­ged bet­ween the floor and the lower edge of the rear door, so that the door was open a crack, blo­cked on the other side, as the end of the seri­es of instal­la­ti­ons. The book was deli­ber­ate­ly cho­sen in terms of dimen­si­ons and tit­le: The word “effort­less” as the begin­ning of the book’s tit­le was in con­tra­dic­tion to the act of wed­ging and the ener­gy nee­ded to open the door.

Dear Albert,

Am I right in assuming that the clo­sing of rooms with the help of books is a side blow against edu­ca­ted bour­geois cli­chés? For a long time, books were the sub­ject of a veri­ta­ble cult in cul­tu­ral mar­ke­ting: Books lead us into new worlds, books broa­den our hori­zons, books open up unknown spaces! From a media-theo­re­ti­cal point of view, this is extre­me­ly under-com­plex, even mis­lea­ding, sin­ce other media can also do this. But in the words of the bour­geoi­sie rese­ar­cher Peter Gay, ide­as have “no less rea­li­ty con­tent than the most naked empi­ri­cism”. You, on the other hand, not only clo­se books by wed­ging them tog­e­ther. You also make access to the world behind the books impos­si­ble, let them beco­me walls, bar­ri­ers, obsta­cles. In this con­text, I am inte­res­ted in your exami­na­ti­on of the tra­di­ti­on of the edu­ca­ted midd­le class, which is a com­mon thread run­ning through your work. What was this old Euro­pean edu­ca­ted midd­le class, what inte­rests you about it and what signi­fi­can­ce does it have for our trans­cul­tu­ral, glo­ba­li­zed present?

Dear Jörg,

that was cer­tain­ly an aspect, espe­cial­ly in the first book instal­la­ti­ons, but the­re was also a desi­re for the alie­na­ti­on of pur­po­se, for the plastic use, for the acti­va­ti­on of mate­ri­al. The con­fron­ta­ti­on with the book medi­um and thus impli­ci­tly with the edu­ca­ted midd­le class was the one with my bio­gra­phi­cal back­ground. The­re we have the inte­rest. I come from a house­hold domi­na­ted by books and prin­ted mat­ter: ever­ything full of them, shel­ves ever­y­whe­re; abo­ve the doors, abo­ve the bed. My father, an art tea­cher, collec­ted them. If the­re is a per­so­ni­fi­ca­ti­on of the edu­ca­ted citi­zen, it is him. Ency­clo­pa­edi­as were con­stant­ly used at meals, the Brock­haus, the Mey­er. On the one hand, I thought that was gre­at, and still do, but on the other hand, the pathos was too much for me. And the­re was a pedago­gi­cal inten­ti­on behind it: For my bir­th­day and at Christ­mas I got a thick volu­me, the Ull­stein Ency­clo­pa­edia of Music, for examp­le, or the Rei­ners (poems) or the monu­men­tal Leo­nar­do da Vin­ci by Taschen publis­her. In this respect, the­re is an act of distancing behind it, of eman­ci­pa­ti­on from claims, expec­ta­ti­ons, influ­ence. In the sen­se of “Kill your idols”.

What the old Euro­pean edu­ca­ted bour­geoi­sie was… “A broad field”.

The term implies that edu­ca­tio­nal know­ledge and acti­vi­ty in fiel­ds such as sci­ence, lite­ra­tu­re and music count as pro­of of belon­ging to an upper, or bour­geois, social class, not birth or mate­ri­al pos­ses­si­ons or inco­me. So edu­ca­ti­on would have an eman­ci­pa­to­ry poten­ti­al, see for examp­le the figu­re of Anton Rei­ser. In addi­ti­on, the­re is a con­cept of edu­ca­ti­on that was spe­ci­fi­cal­ly coi­ned in Ger­ma­ny in the 18th cen­tu­ry and is ori­en­ted towards the sub­ject. It is also inte­res­ting that the­re is no sui­ta­ble trans­la­ti­on for “edu­ca­ted midd­le class” (“edu­ca­ted midd­le class”?). I find this eman­ci­pa­to­ry poten­ti­al worthy of atten­ti­on even in the pre­sent. I also like the idea of know­ledge and skills that are free of pur­po­se and not direct­ly usable. And, refer­ring to the “old Euro­pean” (alt­hough one could still dis­cuss what that means), the idea that the­re is a Euro­pean, trans­na­tio­nal context …

But then the­re is also a cri­ti­cal thrust of the term: “Bil­dungs­bür­ger­lich” in the sen­se of refer­ring to an out­da­ted edu­ca­tio­nal canon, an atti­tu­de. I still remem­ber how Heri­bert Sturm, ex-pro­fes­sor at the Art Aca­de­my, once told me half-jokin­gly when I gave a work, a figu­re in an apothecary’s jar, the tit­le Homun­cu­lus, allu­ding to Faust: “He’s an old edu­ca­ted bour­geois”. The term “Bil­dungs­bür­ger” its­elf comes from the begin­ning of the 20th cen­tu­ry – when the figu­re was cri­ti­cal­ly reflec­ted and rather nega­tively con­no­ted, which then con­ti­nued in the 1960s. It reso­na­tes with cri­ti­cism of a nor­ma­ti­ve-exclu­si­ve con­cept of edu­ca­ti­on, of a lack of resi­li­en­ce to Nazi ideo­lo­gy, the con­fla­ti­on with the sta­te-sup­por­ting-estab­lis­hed-bour­geois. The nor­ma­ti­ve is asso­cia­ted with the idea of a habi­tus, of being a seni­or tea­cher – see also my father, who­se job tit­le was in fact “Fach­ober­leh­rer” (seni­or teacher).…

Dear Albert,

One of your most recent works is also in the con­text of the edu­ca­ted midd­le class: in 2018, you won the com­pe­ti­ti­on of the Munich Depart­ment of Cul­tu­re for a monu­ment in public space for the fami­ly of the wri­ter Tho­mas Mann. Like hard­ly anyo­ne else, Mann repres­ents a figu­re of refe­rence and iden­ti­fi­ca­ti­on of the Ger­man edu­ca­ted midd­le class or its rem­nants, which has nevertheless always been con­tro­ver­si­al. Mann open­ly cri­ti­cis­ed the Nazis in texts, lec­tures and radio addres­ses. Howe­ver, he did not actively par­ti­ci­pa­te in the Ger­man resis­tance, but emi­gra­ted to the USA. His books were not bur­ned by the Nazis. So let’s con­clu­de our con­ver­sa­ti­on with the poli­ti­cal: In your view, do artists bear a spe­cial poli­ti­cal respon­si­bi­li­ty inso­far as they expo­se them­sel­ves and their work to the public? Or could one argue, on the con­tra­ry, that artists bear a spe­cial form of irre­spon­si­bi­li­ty, which impli­ci­tly makes them the nui­sance of illi­be­ral regimes, sin­ce the­se stri­ve for con­trol and basi­cal­ly only accept “embed­ded artists”? In view of the popu­list-aut­ho­ri­ta­ri­an “Gre­at Regres­si­on” (Hein­rich Gei­sel­ber­ger) emer­ging in parts of the world, the­se are pres­sing ques­ti­ons. I would also be inte­res­ted to know what the tri­bu­te to Eli­sa­beth Mann and Katia Mann by means of your monu­ment is all about. Is this in the con­text of a lon­ger enga­ge­ment with eman­ci­pa­to­ry and femi­nist con­cerns, or were you inspi­red by the cur­rent events sur­roun­ding #MeToo?

Dear Jörg,

Yes, exact­ly, the Mann fami­ly also came to mind in con­nec­tion with the edu­ca­ted midd­le class. The­re we have the tran­si­ti­on from a mer­chant fami­ly, i.e. a pro­per­tied bour­geoi­sie, to one in which almost ever­yo­ne is acti­ve in some way in wri­ting, music or aca­de­mia. Tho­mas Mann reflec­ted the pro­cess of social chan­ge, for examp­le in Bud­den­brooks, albeit under nega­ti­ve aus­pi­ces, as a sto­ry of decay. In his case, howe­ver, the edu­ca­ted and the pro­per­tied midd­le clas­ses came tog­e­ther again, he hims­elf as a “noto­rious vil­la owner”, as Brecht cal­led him. And his trans­for­ma­ti­on from natio­nal con­ser­va­ti­ve to social demo­cra­cy and socia­lism is an exci­ting sto­ry, not without con­tra­dic­tions. I recent­ly visi­ted the exhi­bi­ti­on Tho­mas Mann: Demo­cra­cy will win! at the Lite­ra­tur­haus in Munich, which is all about the poli­ti­cal wri­ter Mann. The label “respon­si­bi­li­ty” was also han­ging lar­ge in the room as an object.

Do artists in gene­ral have a spe­cial poli­ti­cal respon­si­bi­li­ty? As you wri­te, argu­ments can be found for this as well as for “irre­spon­si­bi­li­ty”. In case of doubt, I would go with the lat­ter. I would not assign artists a spe­cial poli­ti­cal respon­si­bi­li­ty in gene­ral (in the sen­se of taking up issu­es), but lea­ve it up to each indi­vi­du­al to deci­de to what extent this is a neces­si­ty and also ari­ses from the con­text of the work. For artists are pri­ma­ri­ly respon­si­ble for their work. Tho­mas Mann also expres­sed hims­elf in this sen­se. It beco­mes more con­cre­te when artists cam­pai­gn for the impro­ve­ment of working and exhi­bi­ti­on con­di­ti­ons, i.e. when they are acti­ve in cul­tu­ral poli­tics in a broa­der sen­se, in pro­fes­sio­nal asso­cia­ti­ons, inte­rest groups, socie­ties. I am thin­king here, for examp­le, of the initia­ti­ves to pre­ser­ve stu­dio space, such as the Ufer­hal­len in Ber­lin, and here of Peter Dobrosch­ke, who is very committed.

Dear Albert,

I’m glad you find yourself more on the side of the ‘irre­spon­si­ble’ – I’m with Max Frisch, who dif­fe­ren­tia­ted bet­ween citi­zen and artist. As an artist, open, poe­tic, cri­ti­cal, con­tro­ver­si­al, com­mit­ted to not­hing and no one; as a citi­zen, respon­si­ble, espe­cial­ly politically.

Dear Jörg,

Apro­pos respon­si­bi­li­ty and the poli­ti­cal: I remem­ber the sen­tence “Be sand, not oil in the gears of the world” (Gün­ter Eich). When you do some­thing that dis­turbs pro­ces­ses, that does­n’t fit in smooth­ly. You can refer to it poli­ti­cal­ly or spa­ti­al­ly. “Sculp­tu­re is that which stands in the way”, Kas­par König once said, refer­ring pri­ma­ri­ly to art in public space – which I find fit­ting, espe­cial­ly in rela­ti­on to the Mann Monu­ment. I don’t think a cer­tain unwie­l­di­ness is a bad thing.

As far as respon­si­bi­li­ty in public art is con­cer­ned: the­re, the­mes and spaces are usual­ly defi­ned, one reacts to some­thing. To par­ti­ci­pa­te in this, to get invol­ved in some­thing, is of cour­se alrea­dy a “poli­ti­cal” decisi­on. But then it’s a mat­ter of balan­cing bet­ween gui­de­li­nes, expec­ta­ti­ons and one’s own inte­rests and ide­as, one’s “respon­si­bi­li­ty”, if you will, towards oneself.

The fact that Eli­sa­beth Mann-Bor­ge­se and Katia are also inclu­ded in the memo­ri­al by means of street signs is alrea­dy laid out in the invi­ta­ti­on to ten­der, which is not only sup­po­sed to be about Tho­mas Mann, but about the fami­ly as a who­le. Of cour­se, the deba­tes you men­ti­on are part of that. And in recent years the­re have been several streets named after women of the Mann fami­ly, such as Eri­ka or Eli­sa­beth. The fami­ly name ‘Mann’, on the other hand, para­do­xi­cal­ly refers to the male gen­der alo­ne. I also have a lin­gu­is­tic inte­rest in names and their meaning.

Bey­ond the “real” signs, my con­tri­bu­ti­on is to have a sign made for Katia, after whom no street is named any­whe­re. To have drawn atten­ti­on to the litt­le-noti­ced “Mrs Tho­mas Mann” was the merit of a friend who poin­ted me to Inge and Wal­ter Jens’ bio­gra­phy Mrs Tho­mas Mann – the life of Katha­ri­na Pringsheim and to Vio­la Roggenkamp’s book on Eri­ka Mann just as exchan­ge and dis­cus­sion are an inte­gral part of the work on the memorial …