Abends zum Künstlergespräch mit Ingo Gerken in der Galerie Kuckei und Kuckei. In der U‑Bahn auf dem Weg dorthin bin ich so mit Instagram beschäftigt – oder etwas anderem, dass ich das Aussteigen in der Weinmeisterstr. verpasse und zu weit fahre – bis zum Alexanderplatz. Steige in die U‑Bahn in der Gegenrichtung – und treffe dort Peter Gregorio – den ich letztes Jahr in New York gesehen hatte! Was für ein Zufall! Ich liebe solche Begegnungen — das sind Highlights , die zeigen, dass die Welt zwar groß ist, aber es doch so viele Verknüpfungen, so viele Fäden gibt, dass hin und wieder eine davon bei Bewegung im Raum berührt wird. Peter ist auch zu einer Eröffnung unterwegs, bei Eigen Art, unterwegs mit Jan Kage. Wir unterhalten uns weiter auf dem Weg, bis wir in verschiedene Richtungen abbiegen. Er erzählt mir von einer weiteren Eröffnung im „Schaufenster“ in Kreuzberg, von der ich auch schon gehört hatte, und wo er mit ausstellt, leider nicht mehr. Dort aber Peter Gregorios Namensvetter Peter Dobroschke und andere.
Das Gespräch mit Ingo Gerken: Er lässt sich Zeit bei den Antworten, macht Pausen, wird dann mit der Zeit flüssiger, man kann ihm beim Denken zusehen. Gut zu sehen, dass er noch nicht in Antwortroutinen steckt, auch wenn er seine Konzepte schon lange verfolgt. Über 200 Bibliosculptures gibt es inzwischen immerhin! Auf diese Ideen bin ich fast neidisch.
P.S. Als ich diese Notizen wiederlese, kommen sie mir ziemlich langweilig vor. Ging dort und dort hin, traf den und den … Da müsste mehr Reflexion hinein, Verbindung, Begründung, warum man das jetzt aufschreibt …
16.1., Freitag
Abends ins Lichtblick-Kino, Magazinvorstellung (eigentlich ein Buch) zum Thema „Post-Truth“. Beiträge stammen von Adreas Lang, dessen dokumentarische Foto- und Filmarbeiten mir gut gefallen. Eine Brücke, Sturm zieht auf, einfach draufgehalten. Dann von Andreas Koch, der animierte Filme zeigt, mit Wahrnehmung spielt; einer dänischen Künstlerin, dann, als Stargast gewissermaßen, Boris Eldagsen. Theoretisch ist er versiert, technisch brillant, keine Frage, keiner versteht die Mechanismen von AI so gut, kann so mit Prompts, verschiedenen Bildgeneratoren und Datenbanken umgehen. Die Arbeiten, die er zeigt, finde ich allerdings größtenteils furchtbar. Dieser Holocaust-NS-Porn, von ihm auch noch als solcher bezeichnet. Dieses Super-Ironische, über allem Stehende. Ich weiß nicht. Da hilft es auch nicht viel, dass er seine persönliche Verbindung zum NS-Thema über seinen Vater herstellt, der Weltkriegsteilnehmer war, und über die gefundenen Photoabzüge vom Dachboden. Dagegen die (bild)theoretischen Unterscheidungen zwischen Photographie und „Promtographie“ – das ist schon sehr gut.
17.1., Samstag
Einladung von Angelika Stepken, ihren Geburtstag nachzufeiern, im „Schleusenkrug“, nähe Bahnhof Zoo. E. hatte sie in Florenz als Direktorin der Villa Romana kennengelernt und u.a. das Projekt „Unmapping the Renaissance“ mit ihr gemacht; ich kam damals auch in die Villa Romana. Gebe ihr einen der Kataloge “RE:VISION” vom Kunstverein Tiergarten – und sie weiß gleich Bescheid über den Vorgang; die Gestaltung des Einbandes erinnert sie an den Band, den sie zum Jubiläum der Villa Romana gemacht hatte.
Gäste aus der Kunst- und Kulturszene Berlins, viele ehemalige Stipendiaten der Villa Romana, auch Villa Massimo. Lerne kennen und unterhalte mich ganz gut mit Nina Fischer und Maroan el Sani, Erich Göngrich, Veit Stratmann, Christoph Keller.
18.1. Sonntag
In der Akademie der Künste, letzter Tag der Ausstellung „out of the box“, in der die Akademie ihr eigenes Archiv in den Mittelpunkt stellt, mit künstlerischen Interventionen, u.a. von Ingo Gerken, der auch selbst anwesend ist. Die Malerrolle, die zu einer Litfasssäule wird, auf einem Foto von Klaus Staeck – das ist schon sehr gut. E. verabschiedet sich, fährt weiter.
Mit Ingo dann noch zu einer anderen Ausstellung, in der Lindenstraße, den Räumen neben der Galerie Nordenhake, zum Thema Sport, „Riskier alles“. Treffe dort Stefan Alber.
Wieder zurück in die Akademie der Künste. Dort Knut Ebeling – der mich auf das Echo zum Denkmal anspricht, und meint, die Arbeit werde ja heiß diskutiert – was aber im Prinzip gut sei. Der Besuch im Archiv auch insofern interessant, als die Gründungsgeschichte gleich mit dem Nachlass von Heinrich Mann beginnt; was den Berlin-Bezug von Heinrich ganz klar unterstreicht und auch plausibel macht, dass er beim Denkmal in München nicht auftaucht.
Gehe nochmal beim Container in der Turmstraße neben dem Kunstverein vorbei, wo die Exemplare von RE:VISION „lagern“. Ziehe 9 Exemplare heraus und verstaue sie in Tasche und Rucksack – viel mehr geht nicht. Im Café Arema, das an der Birkenstraße auf der Linie der U‑9 Richtung Osloer liegt, lasse ich zwei Exemplare im Regal, bei anderen Büchern.
Anfrage vom einBuch.haus wegen einer Teilnahme an der Ausstellung der Library of Artistic Print Demand mit MUSTEREXEMPLAR. Gleich setze ich mich hin und bestelle weitere Exemplare, die ich dann an das einBuch.haus schicken lasse. Andreas Bülhoff ist ganz angetan von der Idee. Richtiger Print on Demand!
Abholung des Pflastersteins vom Salvatorplatz, den ich als Multiple in einer Ausstellung gezeigt hatte, in der Galerie der Künstler. Gegen Mittag nach Freising, Wohnungsauflösung von Wilfried Stroh, meinem ehemaligen Lateinprofessor. Zunächst den Domberg hinauf; beim Blick auf das Pflaster muss ich an die bemängelte Pflasterung am Salvatorplatz denken, das Denkmal lässt mich noch nicht los. Der Dom. Die fantastische Konstruktion mit dem tieferliegenden Mittelraum, in den man nach der Eingangshalle hinuntersteigt. Drüben, am anderen Ende, wieder eine Treppe, die hinauf in den Chor führt. Darunter wieder eine Treppe, hinunter in die Krypta. Im Kreuzgang. Die Kälte kriecht von allen Seiten heran. Besser nicht zu lange stehenbleiben. Einige Frottagen, von Buchstaben „A“.
Zur Wohnung von Stroh, wo ich vor ca. 30 Jahren geholfen habe, Regale aufzubauen und Bücher einzuräumen, als ich Hilfskraft bei ihm war. Jetzt wird ausgeräumt; ein Besen ist in unten in die Tür geklemmt, um Interessenten den Zugang zu ermöglichen. Es sind doch viele da, die Bücher durchforsten, mitnehmen, in Taschen, Kartons, Rollkoffern, Rucksäcken. Insofern eine schöne Art der Anteilnahme und des Interesses. Einige kenne ich auch noch, „von früher.“ Aber gleichzeitig weiß ich, dass diese Phase doch schon lang vorbei ist; ein Flashback in ein vergangenes Leben.
Im ehemaligen Wohnzimmer ein Berg von leeren Aktenordnern; sein Nachlass ist an das Staatsarchiv gegangen. Insgesamt etwas traurige Veranstaltung – aber wieder die Erkenntnis: eine Bibliothek hat ihren Sinn zu Lebzeiten des Sammlers. Er hinterlässt aber Spuren, die für die Nachwelt spannend sein können: Namenseinträge, Unterstreichungen, Zeitungsartikel …
Die Bücher sind zum Teil diesselben, die mein Vater auch hat(te): Viel zu Musik; Literaturwissenschaft ist hier mit breiten Interessen verbunden, mit Philosophie, Psychologie.
Nehme einiges mit: Karteikarten mit Vokabeln, eine rororo-Monographie zu Lessing, Ferdinand de Saussures „Grundlagen der Allgemeinen Sprachwissenschaft“, Texte auf Französisch (Flaubert, „La Tentation de saint Antoine“, Huysmans, „La-bas“, André Gide, Les Caves du Vatican…), Strohs Geschichte der Rhetorik. Klingers „Römische Geisteswelt“. Darin materiell interessant ein offensichtlich als Einmerker eingelegtes zerknülltes Tempo-Taschentuch. Ein Vokabelheft, das mich an mein Englisch-Wörterheft erinnert, das ich abfotografiert und als Künstlerheft veröffentlicht hatte.
Schwer beladen ziehen wir von dannen.
12.1., Montag
Sehe wieder den schönen Druck des Fotos von Laura Pilar Delgado, mit den zwei Blüten, die zusammenhängen und siamesischen Zwillingen ähneln. Ich hatte sie beim einBuch.haus gekauft, im Rahmen der Aktion, bei der Künstler Drucke zum Verkauf einreichen, um dem einBuch.haus zu helfen, das von einem Wasserschaden betroffen ist. Poste sie.
Fahrt nach Berlin. Unterwegs in Austers 4321. Entdecke jetzt, dass bei manchen Kapiteln (z.B. 4.2., 5.2.,) nur die Nummern stehen, als systematische Kategorie. Doch ist die Seite sonst leer: Der Protagonist ist in dieser Variante bereits tot, in 2.2. von einem herabstürzenden Ast erschlagen. Freue mich über diese (späte) Entdeckung. Hatte es bisher einfach überblättert. Eindrücklich auch der Parisaufenthalt, mit den homosexuellen Avancen. Erinnert mich an die Fahrt nach Griechenland oder besser, die Rückfahrt von Griechenland, als ich trampend von einem Herren (König hieß er, glaube ich) mitgenommen und dann ins Hotel eingeladen wurde.
Komme gegen Mitternacht an. Matteo noch auf, er liest Gedichte von Kavafis, griechisch-italienisch, testo a fronte. Eine Hinterlassenschaft des Vormieters, Marco. Hinter den Leuten steckt doch mehr, als man vermutet. Ihre Sachen, ihre Bücher sprechen eine eigene Sprache. Nehme die deutsche Fassung von 4321 aus dem Regal und erzähle, dass ich das Buch gerade lese.
13.1., Dienstag
Wache gegen 7 Uhr auf; Undeutliches Bild einer Maschine vor Augen, eines Bauteils aus Metall mit senkrechten Streben, wie eine Heizung, mit glatter messingartiger Verkleidung. Es steht an einer Treppe; hat einige Kratzspuren, ist schon etwas älter. Auf einmal sagt eine Stimme, das sei ich — was mich erschreckt, ich wache auf. Vielleicht von den Auster-Geschichten beeinflusst?
Sitze in der Bruno-Lösche-Bibliothek. Abeilung Romane-Fantasy/Comics. Das Mann-Denkmal holt mich aber ein: Habe mir die Publikation zu einer Ausstellung in der U‑Bahn-Galerie München mitgenommen, die Klaus Bäumler vom Bezirksausschuss München Maxvorstadt geschickt hat. Setzte Antwort an ihn auf. Die Korrekturen der Lektorin vom Kerber-Verlag sind zurück.
14.1., Mittwoch
Schwarzer Tag heute.
Gleich zwei Zeitungen veröffentlichen Artikel, in denen das Fehlen von Heinrich Mann beim Denkmal bemängelt wird, die Abendzeitung und die FAZ. Sollte mich nicht ärgern, tut es aber doch.
Daneben ist das Ausräumen der Galerie Nord ziemlich unangenehm. Wieder so eine Haushaltsauflösung, ein Umzug. Erinnert mich sehr an die Situation letzen Sonntag, in Freising bei Wilfried Stroh. Sortiere überzählige Exemplare von Büchern, schaue, was noch Brauchbares da ist, was ich vielleicht selbst mitnehmen will und kann.
Mache eine schnelle Installation mit RE:VISION, den Katalogen zum 20-jährigen Jubiläum, die sich in Schachteln türmen. Es handelt sich um benutze Exemplare, die entsorgt werden sollen, etwa 50 Stück. Lege sie in einem Rechteck am Boden aus. Staple die leeren Schachteln übereinander. Versuche verschiedene Konstellationen. Gewisse Hilflosigkeit. Es muss alles recht schnell gehen, und es ist keine Atelier- oder Ausstellungssituation
Helfe dann mit, die Exemplare in den Papiercontainer zu tragen. Später werde ich nochmal vorbeikommen, wieder welche herausfischen. Ich ertrage das einfach nicht.
Bruno’s Teapot, 2025 8 x 10 inch / 20 x 25 cm Digital Print on Hahnemühle Photo Rag part of the Water Damage Print Sale in support of einBuch.haus
Für den Neuen Berliner Kunstverein habe ich Führungen durch die Ateliers der Uferhallen Berlin gemacht. Ohne selbst ein Atelier dort zu haben, bin ich mit mehreren Künstlern befreundet und Mitglied im Uferhallen e.V. , dem Verein, der sich als Interessenvertretung nach dem Verkauf des Geländes gründete. Die Tage der Offenen Ateliers dienen auch dazu, die Sichtbarkeit der Ateliers und der Menschen, die dort arbeiten, zu verstärken.
Albert Coers stieß in einer Bibliothek auf ein 1985 in Ostberlin erschienenes Wörterbuch der Gebärdensprache Gehörloser. Die Präsenz der Darsteller und die Umsetzung von so komplexen Begriffen wie Nationen in piktogrammartige Zeichen übten einen starken Reiz aus. Aus diesem Buch wählte Albert Coers die Wörter für Länder aus und fügte sie unter Beibehaltung der alphabetischen Reihenfolge zu einem Künstlerbuch zusammen. Begleitet wird es durch einen Text von Albert Coers zur Recherche und zu den Wörtern und deren möglichen Etymologien, auf Deutsch und Englisch. 2024 ist die 3. Auflage erschienen, erweitert auf 52 Seiten, ergänzt durch die Bildwörter der Kontinente, Afrika, Europa, Asien.
14,8 x 10,5 cm, 52 Seiten, Auflage 200, Texte Englisch und Deutsch, Übersetzung: Oliver Walker; Drahtheftung So-viele.de, Heft 44–3, icon Verlag Hubert Kretschmer ISBN 978–3‑928804–52‑3
basiert auf: Lehr- und Übungsbuch der Gebärden Gehörloser, hrsg. von Gehörlosen- und Schwerhörigen-Verband der DDR, VEB Verlag Volk und Gesundheit, Berlin, 1985
1. Auflage 2016, 36 Seiten, Auflage 500 erschienen anläßlich von super urban village, 10 Kunstprojekte im öffentlichen Raum zum Thema Flucht und Identität, 3.–19. Juni 2016, im Rahmen des Kunstfestivals Ortstermin 2016, Kunstverein Tiergarten, Berlin, kuratiert von Christian Hamm
2. Auflage 2016, 48 Seiten, Auflage 200, erschienen anlässlich der Ausstellung The Order Of Things Albert Coers, Mia Goyette, Christine Lemke, 05.11.–17.12.2016, Galerie Soy Capitán, Berlin-Kreuzberg
Country Symbols
In a public library, Albert Coers found a manual for teaching sign language, published in 1985 in East Berlin. He was smitten by the presence of the persons that featured in the pictures and the translation of complex concepts like nations in pictogram-like words. From this book, he selected the words for countrys and nation, keeping the alphabetical order, and arranged them for an artist book. The book is accompaigned by a text about the research, the words and their possible etmologies. In 2024, the 3rd edition came out, enlarged by the image-words for continents, Africa, Europe, Asia.
14.8 x 10.5 cm, 52 pages, edition of 200, Texts in English and German, translation: Oliver Walker; wire binding So-viele.de, issue 44–3, icon Verlag Hubert Kretschmer, Munich 2024 ISBN 978–3‑928804–52‑3 based on: Textbook and exercise book for the sign language of the deaf, published by the Association of the Deaf and Hard of Hearing of the GDR, VEB Verlag Volk und Gesundheit, Berlin, 1985
1st edition 2016, 36 pages, edition of 500 published on the occasion of super urban village, 10 art projects in public spaces on the topic of flight and identity, 3rd — 19th. June 2016, as part of the art festival Ortstermin 2016, Kunstverein Tiergarten, Berlin, curated by Christian Hamm
2nd edition 2016, 48 pages, edition of 200, published on the occasion of the exhibition The Order Of Things Albert Coers, Mia Goyette, Christine Lemke, 05.11.–17.12.2016, Galerie Soy Capitán, Berlin-Kreuzberg
In „How to Book in Berlin“, einem kürzlich erschienenen Handbuch zum Bereich „Artist’s Book“ schreibt Andreas Bülhoff, dass man bei einer Künstlerbuchmesse keine zu großen Erwartungen an den Verkauf hegen, statt dessen soviel wie möglich tauschen solle.
Mit Albert Coers: Gasteig-Encounters erscheint ein Künstlerheft zu JAJA NEINNEIN VIELLEICHT, 15. RischArt_Projekt, im Gasteig München. Coers kombiniert in der Publikation Fotos der postmodernen Architektur des Kulturzentrums mit Bildern aus einem Wörterbuch der Gebärdensprache, erschienen in Ostberlin 1985, zeitgleich zur Eröffnung des Gasteig.
Eine Ausstellung in Berlin lebender Künstler in Zug. Wobei viele der„Berliner“ aus der Schweiz, aus Zug selbst stammen. Und andere von woandersher, z.B. wie ich aus Süddeutschland. Also eine Ausstellung, wo verschiedene Identitäten schon von den Teilnehmern mitgebracht werden, der Ortsbezug aber eine Rolle spielt. In einer Stadt, die Reisetätigkeit bereits in ihrem Namen beinhaltet. Was läge näher, als mit dem entsprechenden Verkehrsmittel anzureisen? Das Spiel mit Identitäten und Namen gab dann auch den Ausschlag für die Wahl des Bildmaterials, zusammen mit dem Ausstellungstitel „Secret Garden“ und dem Ort, einem Gartenhaus und –grundstück, am Rande von Zug.
Es erschien naheliegend, mit Bildern aus einem 1985 eben in Berlin (Ost) erschienen Wörterbuch der Gebärdensprache Gehörloser zu arbeiten. Darstellung von Länderidentitäten hatte ich 2016 in Berlin-Moabit im öffentlichen Raum und in der Galerie Soy Capitán gezeigt.
Secret Garden bot Gelegenheit, das Bildmaterial neu zu durchforsten, Zusammenhänge herzustellen, die zunächst kryptischen, reproduzierten Bilder der Gebärdensprache mit der Gegenwart des Gartens und der Stadt zu konfrontieren, sie in ihrer Anordnung nach dem ABC, die der Systematik des Wörterbuches folgt, als eine Art zeichenhafte Wegstrecke hin zum „realen“ Garten am Lüssiweg zu platzieren.
Das Bildmaterial schien auch geeignet, da ein implizites Thema der Ausstellung ja die Überwindung von Grenzen/Barrieren ist: Berlin und Zug liegen zwar im deutschen Sprachraum, aber weit entfernt in unterschiedlichen Ländern, sind auch hinsichtlich Größe, Geschichte, sozialer und ökonomischer Struktur, Bevölkerung, Sprache sehr verschieden. Generell wird von Kunst und Bildern ja gerne erwartet, dass sie Grenzen überwinden. Da schien es interessant, eine Bildersprache zu wählen, die einerseits genau die Überwindung von (sprachlichen) Grenzen verheißt und ermöglicht, andererseits aber auch Grenzen von Kommunikation aufzeigt und damit die Erwartung ein Stück weit unterläuft, durchaus im Sinn des nicht Eindeutigen, allgemein Verständlichen, sondern des Abgegrenzt-Partikularen, das ja in „Secret“ (abgeschieden, geheimnisvoll) steckt. Denn die Gebärdensprache stellt man sich, da es sich ja um eine visuelle Sprache handelt, als genuin international und überall verständlich vor, als eine Art Esperanto, so, wie man sich eben in einem fremden Land, „mit Händen und Füßen“ verständigt. Aber wenn es auch eine internationale Gebärdensprache gibt und Angehörige verschiedener Nationen sich relativ schnell verständigen können, so ist dieser Code doch national und regional sehr ausdifferenziert: Es gibt wie bei gesprochenen Sprachen Dialekte, so etwa eine nord- und eine süddeutsche Variante, und auch kommunale Ausprägungen. Dass ein Berliner und ein Zuger sich problemlos verständigen könnten, ist also unwahrscheinlich. Auch verändert sich die Sprache laufend, je nach sozialer Übereinkunft, wie man etwa am Beispiel ‚Frau’ sehen kann: Da gibt es die Variante mit Andeutung eines Busens, die von den meisten Sprechern als zu offensichtlich auf körperliche Geschlechtsmerkmale bezogen nicht mehr verwendet wird, dann das Greifen zum Ohrläppchen, um Weiblichkeit durch Tragen von Ohrringen auszudrücken, worin sich natürlich auch Stereotype verbergen, schließlich eine noch neutralere Gebärde, ein Wischen mit dem Daumen über die Wange, die bei Sprechern in Süddeutschland die meistgebräuchliche scheint.
Das Bildmaterial des über 30 Jahre alten Lehrbuchs aus Ostberlin gefiel mir gerade wegen seines Kontrastes zur Bildsprache der Gegenwart und seiner ikonischen Qualitäten: Die Darsteller scheinen durch die Wiedergabe in körnigem, oft kontrastreichen Schwarz-Weiß, nach Kleidung und Frisur tatsächlich aus einer ganz anderen, weit zurückliegenden Zeit zu stammen, entfalten aber erstaunliche Präsenz in den knappen, häufig symmetrischen Bildausschnitten, mit ihren Blicken und konzentriert-zeichenhaften Gebärden, nicht zuletzt durch die Einfügung von Bewegungspfeilen, die sie in die Nähe von Piktogrammen und Verkehrszeichen rücken.
Interessant ist dabei, wie Begriffe aus der Botanik visualisiert werden: Manchmal ist es die Andeutung der Form und Größe, häufig jedoch eine Handlung, die mit und an der Pflanze vollzogen wird, etwa durch den Akt des Essens, die Kirsche durch den des Ans-Ohr-Hängens, als Schmuck.
Die Gebärden sind prägnant, doch beim Blättern im Buch fielen einige ähnliche oder gar identische Gebärden auf, die jenseits des Gartenthemas in ganz andere Bereiche führten. Ähnlich wie in einem Projekt mit botanischen Buchtiteln bzw. Autornamen (Biblioteca Botanica, 2006, mit Namen wie Klee, Kiefer, Green) trat dann die Suche nach solchen disparaten, jedoch durch Analogien verbundenen bzw. verbindbaren Begriffen in den Vordergrund.
Albert Coers: “Beere”, “Malta”, 2017 Installationsansicht Secret Garden, Zug
‚Beere’ und ‚Malta’ sind beides kleine Entitäten; ‚Kohl’ und ‚Welt’ runde Körper, die durch eine Kreisbewegung dargestellt werden, die Schmuck andeutende Gebärde von ‚Kirsche‘ hat Verwandtschaft mit dem Zeichen für ‚Frau‘; pflanzenhaft, von Innen heraus entfaltet sich ‚Kunst‘. Vor allem wenn ein zusätzlicher Kanal, hier die Bewegung der Lippen, fehlt, ist der Kontext, in dem ein Bild/Zeichen verwendet wird, für seine Bedeutung und Lesbarkeit ausschlaggebend.
Diese Doppel- oder besser Mehrdeutigkeit der Zeichen ist dabei kein Merkmal der Gebärdensprache: Im Hebräischen existieren, wenn auf Vokalzeichen verzichtet wird, eine Fülle gleicher Wortbilder, da nur Konsonanten geschrieben werden, im Chinesischen ergeben dieselben Silbenfolgen, mit unterschiedlicher Tonhöhe und Betonung gelesen, ganz andere Bedeutungen. Genauso gibt es im Deutschen Wörter gleicher Schreibung, aber unterschiedlicher Phonetik und damit Bedeutung (‚sie rasten’ – sie rasten’), aber auch Wörter, die bei gleicher Aussprache ein ganzes Bündel von Bedeutungen mit sich bringen. Ein klassisches Beispiel ist der Name der Stadt selbst, in der das Projekt stattfindet, Zug (der sich ja auch auf den Kanton beziehen lässt). Immerhin 16 verschiedene Bedeutungen zählt das Duden-Wörterbuch auf. Bei solchen Begriffen (erinnert man sich an das Spiel „Teekessel“?) wie ‚Zug‘ oder „Hahn“, ist die Polysemie oft auf bildhaft-metaphorische Sprechweise zurückzuführen: bei ‚Zug‘ ist das gemeinsame Moment das der Bewegung, des Ziehens (auch der Fischzug, von dem die Stadt ihren Namen hat), und der (Wasser)hahn steht mit dem gleichnamigen Tier in formassoziativer Beziehung und wurde deshalb nach ihm bezeichnet. Übrigens: Im Lehrbuch der Gebärdensprache findet sich kein Bildzeichen für ‚Zug’. Wahrscheinlich, weil das Wort so mehrdeutig ist.
Garden image, image garden
For an exhibition of Berlin artists in Zug, it was a logical step to work with images from a sign language dictionary published in 1985, also from (East) Berlin. I had shown depictions of countries’ names in public space in Moabit, Berlin and in the gallery Soy Capitán, in 2016.
Secret Garden offers an opportunity to reappraise the material and to create connections that confront the (at times cryptic) reproduced images of the sign language with the garden and the city today. Observing their hairstyles, the style of photography and the images, the protagonists appear to come from a quite different, far away, time, but they produce a remarkable presence with their gazes and concentrated, emblematic, signing.
Botanical concepts are visualized by demonstrations of form and size, but also of culturally determined actions performed with and on plants, such as the act of eating (the apple), preparation (carrots and salad) and of a playful use for other than that of food (cherries as earrings).
Although the gestures are clear, while looking through the book it was noticeable that some similar or even identical signs would re-appear, going beyond the botany to quite different categories. In a similar way as the project Biblioteca Botanica, 2006, which featured botanical book titles and names of authors such as ‘Klee,’ ‘Kiefer’ and ‘Green’ (translators note — the German botanical terms match the artists’ names), here a search was made for equally disparate terms which for which analogue links could be made. A ‘berry’ and ‘Malta’ are both small entities; a ‘cabbage’ and the ‘world’ are round bodies represented by a circular movement, and the jewelry-like sign for ‘cherry’ relates to the sign for ‘woman’; plant-like, ‘art’ unfolds from within. When an additional channel is missing, such as the movement of the lips here, the context in which an image is applied is particularly decisive for its meaning and legibility. For example, the sign featuring a rectangle described with both hands can mean – among other things – ‘picture’.
This ambiguity of the signs however is not a characteristic exclusive to sign language. In Hebrew, if there are no vowels, there is a wealth possible meanings for individual words, since only consonants are written, while in Chinese the same sequence of syllables, with different pitch and emphasis, can have a number of completely different meanings. A classic example in German is this city itself, in which the project takes place, Zug. The Duden dictionary has 16 different meanings (translators note: the Duden dictionary is the official reference for the German language). In words such as Zug (translators note: both the name of the host city, and the word for train, among others) and Hahn, (translators note: the German word for both rooster and tap) the polysemy is due to pictorial-metaphoric forms of speech. In Zug the common moment is in the movement, in draughting (see also the Fischzug (‘fish-draught’) from which the lakeside town takes its name), and the (Wasser)hahn (‘tap’, or ‘water-rooster’), which has an associative relationship with the animal of the same name, which is why it has been named after it. Incidentally, there is no sign for Zug in the textbook of sign language — probably because the word is so ambiguous.
(published in Gartenbilder-Bildergarten, 2017, translation by Oliver Walker)
Begleitend erscheint die Publikation In this occasion is published Müde Bücher (Salon Verlag Köln)
Für den Kunstverein Tiergarten entwickelt Albert Coers eine die Galerie umfassende Präsentation seiner jüngst entstandenen Arbeiten zu Bibliotheken und Buch, verbunden mit eigens für die Ausstellung enwickelten neuen Arbeiten, die auch die großflächige Öffnung der Galeriefenster zum Straßenraum mit einbeziehen.
Gezeigt werden Arbeiten aus den Jahren 2008 bis 2012, wie z. B. ENCYCLOPEDIALEXANDRINA, eine großformatige Rauminstallation und Wandcollage mit Material aus der Bibliothek von Alexandria, die wesentlich erweitert und durch skulpturale Elemente ergänzt wird. Die Reihe I TITOLI SOLI bestehend aus Frottagen von Bucheinbänden, wird zu assoziativ-erzählerischen Tableaus gruppiert; Müde Bücher, eine Serie von einzelnen Büchern aus einer privaten Bibliothek, wird die vorhergehende Verwendung von Büchern in einer Installation ablesbar machen. In Zusammenarbeit mit lokalen Bibliotheken entsteht eine ortsspezifische Buchinstallation, die mit deren Beständen arbeitet und sie temporär in den Galerieraum verlagert.
Veranstaltungen Events during the exhibition
Mittwoch, 28. 3., 19.30 h Markus Krajewski (Bauhaus-Universität Weimar): Bücherraumordnungsverfahren. Vortrag und Gespräch mit Albert Coers
Dienstag, 3. 4., 17.30 h Führung durch die Ausstellung mit Ralf F. Hartmann, Kurator
Freitag, 13. 4., 18 h Ausstellungsrundgang exhibition tour, Albert Coers im Gespräch mit in conversation with Ralf F. Hartmann
Die Ausstellung wird gefördert von With friendly support by
Golart Stiftung, Erwin und Gisela von Steiner Stiftung, Rischart, München.
animalibri
Animalibri: der Titel verschmilzt Worte, die häufig als Gegensätze gebraucht werden: Anima, Seele, Leben, und libri, Bücher. Gleichzeitig steckt in ihm auch Animal (Lebewesen, Tier), was zum Ort, der Galerie im Tiergarten passt. Bücher sind als etwas Lebendiges aufgefasst, siehe die Installationen, siehe auch die Arbeit Müde Bücher. Und Bücher passen zum Ort, zur Galerie Nord als ehemalige Bibliothek.
Im ersten Raum im Osten sind Bücher aus Privatbibliotheken in Fenstern installiert. (Biblioteca privata R.F.H., C.G.E.B., A.J.C., 2012). Die Bücher stammen je Fenster von einem Mitglied des Kunstvereins Tiergarten. Die Anordnung versucht die Interessen der Besitzer aufzugreifen: Im ersten Fenster eine rechtwinklige, architektonische Konstruktion (Ralf Hartmann, Architekturschwerpunkt, Schinkel etc.), daneben eine eher kompakte, „malerische“, wo Bücher über russischen Konstruktivismus und Suprematismus zu finden sind (Claudia Beelitz), dann eine geschichtete (Bücher von Albert Coers). Dennoch entsteht eine Gesamtform, die sich über die Fensterfront erstreckt.
Angesichts dieser raumgreifenden Installationist die Hängung im Raum eher sparsame, steht aber in Verbindung zum Thema der Bibliothek. An der Stirnseite zwei Bündel Leihscheine (jeweils Ausleih- und Rückgabequittungen), aus dem Projekt Biblioteca vitale (2011), für das aus der Bibliothek der Humboldt-Universität Berlin – Grimm-Zentrum hunderte Bücher zum Thema „Leben“ ausgeliehen wurden. Dies korrespondiert mit den grünen Stellvertreterkarten für ausgeliehene Bücher der Biblioteca Botanica, am anderen Ende der Galerie, an der Westwand.
An der Südwand: hängen 10 Stofftaschen aus dem Projekt Zettels Traum, 2011, gefüllt mit Büchern. Die Stofftaschen stammen von verschiedenen Berliner Filialen der Hugendubel-Kette. Dort kaufte Coers insgesamt 69 Exemplare von Wahrigs Wörterbuch, bis ihr Preis derselbe war wie von einem Exemplar von Arnold Schmidts Zettels Traum, fotografierte sie und tauschte sie um bzw. brachte sie zurück. Die Quittungen waren Bestandteil der Arbeit. Am anderen Ende der Galerie sind zwei dokumentarische Fotos der Arbeit zu sehen.
An der Süd- u. Westwand sind grafische Arbeiten zu sehen: I TITOLI SOLI (2009–2012) („nur die Titel“, ein Spiel mit Titeln der Installation I SOLITI TITOLI,2009, aus der sich Müde Bücher ableitete). Es sind Frottagen, Abriebe von geprägten Bucheinbänden, die neu zu assoziativ-erzählerischen Tableaus gruppiert wurden (zum Thema „Berge, Expeditionen, (Lebens)gefahr“, z.T. assoziativ zum Thema der Biblioteca vitale gegenüber, z.B. „wir werden leben“).Die Technik des Abriebs, die u.a. in der Archäologie verwendet wird, um Inschriften wiederzugeben, ist ein reproduzierendes Verfahren mit eigener graphischer Qualität, zwischen Originalzeichnung und Druckgraphik. Die Serie korrespondierte mit Bild-Text-Kombinationen der Installation mit Fotokopien im Mittelraum.
Mittelraum
In den Raum eingepasst steht Scaffale (Biblioteca Botanica), eine Art begehbarer Pavillon aus Holzregalen, war Bestandteil der Installation Biblioteca Botanica, Kunstmuseum Heidenheim, 2006. Dort war es Trägerelement für aus kommunalen Bibliotheken ausgeliehene Bücher zum Thema „Botanik“. Durch die Schrägstellung der Regalbretter wurden Assoziationen an Äste eines Baumes oder die Rippen eines Blattes geweckt. Im Kunstverein Tiergarten wird auf dessen eigene Bibliothek zurückgegriffen: Kataloge, sonst im Raum hinter dem Empfang in einem großen Regal, werden „ausgeliehen“ und neu nach Größe sortiert; und die Bretter entsprechend in Schrägstellung angepasst. Es entsteht eine neue Ordnung. Das Regal hinter dem Empfang der Galerie Nord ist dagegen leer.
Mit dem Thema der Bibliothek, mit dem der Abwesenheit und Neukreation in Verbindung steht ENCYCLOPEDIALEXANDRINA (2008–2012), eine Wandcollage mit Fotokopien aus den Bibliotheken von Alexandria – es gibt mehrere Städte dieses Namens, nicht nur in Ägypten, sondern auch in Virginia und in Italien. Sie bezieht sich auf die legendäre Bibliothek, die alles Wissen der Welt versammelte und deren Bestände auf rätselhafte Weise verschwunden sind. „Von der Rose bleibt nur der Name übrig“ – heißt es in Umberto Ecos Bibliotheksroman „Der Name der Rose“. Von hier lassen sich Verbindungen, zur Biblioteca Botanica herstellen, wie auch die Collage ein Spiel mit Bild- und Textkombinationen und der Vieldeutigkeit von Namen ist.
Müde Bücher (2009/2012) ist eine Serie von einzelnen Büchern aus der Bibliothek eines verstorbenen Architekten, an denen sich bei genauerem Hinsehen die vorhergehende Verwendung in einer Installation ablesen lässt, die zu ihrer Verformung geführt hat. Sie sind charakteristisch für eine bildungsbürgerliche Bibliothek der 1950er-70er Jahre, wie sie Coers aus Erfahrung seines Elternhauses kennt. Präsentiert werden sie als skulpturale Einzelobjekte in einem Karree von Sockeln. Die Objekte waren Bestandteil der Installation I SOLITI TITOLI — LITO, 2009, im Fenster der Lithographiewerkstatt im Künstlerhaus München.
Im Videoraum (im Raum, der hinter „Müde Bücher“ liegt) wurde der Film I SOLITI TITOLI (2009) gezeigt, der zwischen sachlicher Dokumentation und eigenständigem Blick auf eine Installation steht. Zu sehen sind Blicke durch die gleichnamige Installation aus Büchern, die vor einem Fenster aufgebaut sind, auf Passanten und kleine alltägliche Szenen, die, für sich banal, im Verein mit den Buchtiteln neue Zusammenhänge ergeben.
Raum West
Mit dem Regal, aber auch mit den andern Leihzetteln korrespondiert Rappresentanti (Biblioteca Botanica), 2006/2012, Stellvertreterkarten aus grünem Karton mit handschriftlich eingetragenen Titeln und Bibliothekssignaturen an der Querwand am Ende der Galerie. Sie markierten in den Regalen von kommunalen Bibliotheken Bücher, die assoziativ zum Thema „Botanik“ ausgeliehen wurden, verwiesen auf etwas, das abwesend, an einem anderen Ort war, und stellten dadurch eine neue Präsenz her. Die Karten sind nach dem ABC der Verfassernamen angeordnet, streng im Raster. Die unterschiedlichen Grüntöne der Karteikarten ergeben aber ein unregelmäßiges Muster.
Davor im Raum, zwei Boden, die mit Anklägen an Minimalismus spielen: I Classici dell’Arte – versione svizzera, 2012. Als minimalistische Installation am Boden: Bände der Reihe I Classici del Arte – Klassiker der Kunst, eine in der Schweiz produzierte Ausgabe der Bände über Kunst-Klassiker aus Privatbesitz (Bibliothek von Bernhard Coers, Vater von A.C.), ergänzt durch in Berliner Kommunalbibliotheken entliehene Exemplare (u.a. Bibliothek Steglitz, Hansabibliothek, Bruno-Lösche-Bibliothek, Moabit). Die Bände sind mit dem Rücken nach oben gezeigt, monochrom, erinnern an Steinplatten. Ihre Herkunft aus Bibliotheken ist aber an den Barcodes ablesbar.
Enciclopedia critica dell’arte contemporanea, 2012, Schuber von Kritisches Lexikons der Gegenwartskunst. Die leeren Schuber stammen aus dem Bestand des Kunstvereins Tiergarten, der Inhalt befindet sich auf dem Regal, als Quadrat die leeren Hüllen, die farblich mit dem Boden korrespondieren. Sie erinnern an Bodenskulpturen, etwa von Carl Andre.
Daneben sind weitere Installationen zu sehen, etwa der Katalog der Biblioteca Collettiva (2005). Hier sind in einem Karteikasten die Leihscheine aus der ersten Buchbeschaffung durch Ausleihe versammelt.
Fotografien von Installationen sind ebenfalls Zeugnisse, die über ihre dokumentarische Funktion hinaus Eigenwert entwickeln, so beispielsweise in einer Serie von Polaroids, bei denen beim Entwicklungsprozess Fehlstellen auftraten, die das Bildmotiv teils unkenntlich machen, dabei aber etwas Neues entstehen lassen. Die Polaroids sind mit Großbildkamera aufgenommenen Probeabzüge für endgültige Fotos, entstanden 2008 bei der Ausstellung Debutanten. Sie zeigen eine Buchinstallation, Bögen und Fenster.
Begleitet ist die Ausstellung nicht durch einen „normalen“ Ausstellungkatalog, sondern durch eine als Künstlerbuch gestaltete Publikation, Coers’ erstes Fotobuch: Müde Bücher, erschienen im Salon Verlag, Köln, mit dem Text „Ermüdet“ des Kunstwissenschaftlers Wolfgang Ullrich.
Das Buch wird in zwei Einbandvarianten gedruckt, eine davon mit neutral-monochromen Cover, das bei späteren Installationen und Buchskulpturen Verwendung findet (Biblioteca continuata, 2012, Scaletta, Ausstellung AVANZI, Artothek München, 2013.