11.1., Sonntag
Abholung des Pflastersteins vom Salvatorplatz, den ich als Multiple in einer Ausstellung gezeigt hatte, in der Galerie der Künstler. Gegen Mittag nach Freising, Wohnungsauflösung von Wilfried Stroh, meinem ehemaligen Lateinprofessor.
Zunächst den Domberg hinauf; beim Blick auf das Pflaster muss ich an die bemängelte Pflasterung am Salvatorplatz denken, das Denkmal lässt mich noch nicht los.
Der Dom. Die fantastische Konstruktion mit dem tieferliegenden Mittelraum, in den man nach der Eingangshalle hinuntersteigt. Drüben, am anderen Ende, wieder eine Treppe, die hinauf in den Chor führt. Darunter wieder eine Treppe, hinunter in die Krypta. Im Kreuzgang. Die Kälte kriecht von allen Seiten heran. Besser nicht zu lange stehenbleiben. Einige Frottagen, von Buchstaben „A“.
Zur Wohnung von Stroh, wo ich vor ca. 30 Jahren geholfen habe, Regale aufzubauen und Bücher einzuräumen, als ich Hilfskraft bei ihm war. Jetzt wird ausgeräumt; ein Besen ist in unten in die Tür geklemmt, um Interessenten den Zugang zu ermöglichen. Es sind doch viele da, die Bücher durchforsten, mitnehmen, in Taschen, Kartons, Rollkoffern, Rucksäcken. Insofern eine schöne Art der Anteilnahme und des Interesses. Einige kenne ich auch noch, „von früher.“ Aber gleichzeitig weiß ich, dass diese Phase doch schon lang vorbei ist; ein Flashback in ein vergangenes Leben.
Im ehemaligen Wohnzimmer ein Berg von leeren Aktenordnern; sein Nachlass ist an das Staatsarchiv gegangen. Insgesamt etwas traurige Veranstaltung – aber wieder die Erkenntnis: eine Bibliothek hat ihren Sinn zu Lebzeiten des Sammlers. Er hinterlässt aber Spuren, die für die Nachwelt spannend sein können: Namenseinträge, Unterstreichungen, Zeitungsartikel …
Die Bücher sind zum Teil diesselben, die mein Vater auch hat(te): Viel zu Musik; Literaturwissenschaft ist hier mit breiten Interessen verbunden, mit Philosophie, Psychologie.
Nehme einiges mit: Karteikarten mit Vokabeln, eine rororo-Monographie zu Lessing, Ferdinand de Saussures „Grundlagen der Allgemeinen Sprachwissenschaft“, Texte auf Französisch (Flaubert, „La Tentation de saint Antoine“, Huysmans, „La-bas“, André Gide, Les Caves du Vatican…), Strohs Geschichte der Rhetorik. Klingers „Römische Geisteswelt“. Darin materiell interessant ein offensichtlich als Einmerker eingelegtes zerknülltes Tempo-Taschentuch. Ein Vokabelheft, das mich an mein Englisch-Wörterheft erinnert, das ich abfotografiert und als Künstlerheft veröffentlicht hatte.
Schwer beladen ziehen wir von dannen.
12.1., Montag
Sehe wieder den schönen Druck des Fotos von Laura Pilar Delgado, mit den zwei Blüten, die zusammenhängen und siamesischen Zwillingen ähneln. Ich hatte sie beim einBuch.haus gekauft, im Rahmen der Aktion, bei der Künstler Drucke zum Verkauf einreichen, um dem einBuch.haus zu helfen, das von einem Wasserschaden betroffen ist. Poste sie.
Fahrt nach Berlin. Unterwegs in Austers 4321. Entdecke jetzt, dass bei manchen Kapiteln (z.B. 4.2., 5.2.,) nur die Nummern stehen, als systematische Kategorie. Doch ist die Seite sonst leer: Der Protagonist ist in dieser Variante bereits tot, in 2.2. von einem herabstürzenden Ast erschlagen. Freue mich über diese (späte) Entdeckung. Hatte es bisher einfach überblättert. Eindrücklich auch der Parisaufenthalt, mit den homosexuellen Avancen. Erinnert mich an die Fahrt nach Griechenland oder besser, die Rückfahrt von Griechenland, als ich trampend von einem Herren (König hieß er, glaube ich) mitgenommen und dann ins Hotel eingeladen wurde.
Komme gegen Mitternacht an. Matteo noch auf, er liest Gedichte von Kavafis, griechisch-italienisch, testo a fronte. Eine Hinterlassenschaft des Vormieters, Marco. Hinter den Leuten steckt doch mehr, als man vermutet. Ihre Sachen, ihre Bücher sprechen eine eigene Sprache. Nehme die deutsche Fassung von 4321 aus dem Regal und erzähle, dass ich das Buch gerade lese.
13.1., Dienstag
Wache gegen 7 Uhr auf; Undeutliches Bild einer Maschine vor Augen, eines Bauteils aus Metall mit senkrechten Streben, wie eine Heizung, mit glatter messingartiger Verkleidung. Es steht an einer Treppe; hat einige Kratzspuren, ist schon etwas älter. Auf einmal sagt eine Stimme, das sei ich — was mich erschreckt, ich wache auf. Vielleicht von den Auster-Geschichten beeinflusst?
Sitze in der Bruno-Lösche-Bibliothek. Abeilung Romane-Fantasy/Comics. Das Mann-Denkmal holt mich aber ein: Habe mir die Publikation zu einer Ausstellung in der U‑Bahn-Galerie München mitgenommen, die Klaus Bäumler vom Bezirksausschuss München Maxvorstadt geschickt hat. Setzte Antwort an ihn auf. Die Korrekturen der Lektorin vom Kerber-Verlag sind zurück.
14.1., Mittwoch
Schwarzer Tag heute.
Gleich zwei Zeitungen veröffentlichen Artikel, in denen das Fehlen von Heinrich Mann beim Denkmal bemängelt wird, die Abendzeitung und die FAZ. Sollte mich nicht ärgern, tut es aber doch.
Daneben ist das Ausräumen der Galerie Nord ziemlich unangenehm. Wieder so eine Haushaltsauflösung, ein Umzug. Erinnert mich sehr an die Situation letzen Sonntag, in Freising bei Wilfried Stroh. Sortiere überzählige Exemplare von Büchern, schaue, was noch Brauchbares da ist, was ich vielleicht selbst mitnehmen will und kann.
Mache eine schnelle Installation mit RE:VISION, den Katalogen zum 20-jährigen Jubiläum, die sich in Schachteln türmen. Es handelt sich um benutze Exemplare, die entsorgt werden sollen, etwa 50 Stück. Lege sie in einem Rechteck am Boden aus. Staple die leeren Schachteln übereinander. Versuche verschiedene Konstellationen. Gewisse Hilflosigkeit. Es muss alles recht schnell gehen, und es ist keine Atelier- oder Ausstellungssituation
Helfe dann mit, die Exemplare in den Papiercontainer zu tragen. Später werde ich nochmal vorbeikommen, wieder welche herausfischen. Ich ertrage das einfach nicht.































































































































































